Au ja, immer mal wieder: Ruf nach Kirchenreformen im Dialog-Prozess des Bistums Aachen

In der KNA- Regionalausgabe „Nordwest“ vom 24.08.2018 findet man einen Artikel, der den Verfall unserer Kirche ganz erschreckend deutlich macht, und zwar genau deshalb, weil die Handelnden wohl ehrlich davon überzeugt sind, das Richtige zu tun. Zumindest wollen wir ihnen das unterstellen und auch zugute halten. Schon die einleitenden Sätze zeigen, welcher Geist dort herrscht („heilig“ ist der nicht):

„Mehr Kreativität in Gottesdiensten, passendere Angebote für Jugendliche und einen anderen Umgang der katholischen Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen – das fordern die Teilnehmer an dem vom Aachener Bischof Helmut Dieser angestoßenen Dialog zur Zukunft der Diözese. Generalvikar Andreas Frick zog am Freitag vor Journalisten in Aachen eine positive Zwischenbilanz des vor acht Monaten gestarteten „Heute bei dir“ -Gesprächsprozesses.

20 Prozent der bisher rund 2.000 Teilnehmer entstammten nicht dem Kirchenmilieu, so Frick. Das sei „ein guter Anfang“. Mit der Aktion sei es gelungen, Grenzen zu überschreiten, ergänzte der Koordinationsbüro-Leiter des „Heute bei dir“-Prozesses, Jürgen Jansen.“

Also – wenn das Ergebnis dieser Aktion, dieses „Prozesses“ so aussieht, dann hätte man, so meinen wir, die dafür aufgewendeten Mittel und die Arbeitskraft bedeutend sinnvoller im Sinne der Sache einsetzen können.

„Mehr Kreativität in Gottesdiensten“ – meine Güte, was soll denn mehr noch kommen als das, was die Leute schon jetzt in Scharen aus den modernen Gottesdiensten treibt? Liturgischer Tanz mit 60 plus?

„Passendere Angebote für Jugendliche“ – was denn, zum Beispiel? Disco? Death Metall? Mofakurse? Parship für Teenies?

„Einen anderen Umgang“ mit armen Menschen, die in schwerer Sünde leben? Welchen denn? Sie darin bestärken? Macht ruhig weiter, das mit der Sünde sehen wir jetzt nicht mehr so eng?

Und: die Teilnehmer fordern… Tja. Was machen wir denn dann, wenn „Teilnehmer“ die Messe im tridentinischen Ritus „fordern“, oder eine Sakramentenspendung „wie früher“? Ach nein. Die Tradis pflegen normalerweise nicht zu fordern, sondern zu bitten.

„Grenzen zu überschreiten“ – manche inhaltsleeren, aussagefreien Floskeln kann man einfach nicht mehr hören.

So geht es weiter:

„Bischof Dieser hatte zu Jahresbeginn den Dialogprozess angekündigt, mit dem auch Menschen angesprochen werden sollen, die sich von der Kirche entfernt haben oder noch keine Berührung mit ihr hatten. In einer ersten Phase führten er, der Generalvikar und die beiden Aachener Weihbischöfe rund 50 Küchentisch-Gespräche in Privathaushalten, an denen laut Bistum etwa 520 Menschen teilnahmen. Hinzu kamen „meet&eat“-Veranstaltungen in den acht Bistumsregionen mit jeweils 120 bis 180 Teilnehmern. Aus allen Begegnungen seien 3.400 Einzelaussagen dokumentiert worden, hieß es.“

Wunderbar. Dialog. Gespräch. Prozeß. Und Englisch ist ja die neue Kultsprache. Hauptsache, wir haben darüber geredet. Im Ernst: wie ernst kann man als Außenstehender eine Organisation nehmen, die mit der Frage hausieren geht, wie sie denn sein soll, damit die Außenstehenden ‚reinkommen? Schau mal, ich bin doch für alles offen – wirklich, für alles!

„Die Teilnehmer plädierten den Angaben zufolge für Gottesdienste mit lebensnaheren Predigten, moderner Musik und jugendrelevanten Themen. Gefordert wurde zudem, die Präsenz der Kirche in sozialen Netzwerken und im Internet zu verstärken – etwa durch Online-Gemeinden per Skype. „Das Thema Jugend durchzieht wie ein roter Faden alle Rückmeldungen“, sagte Jansen. So werde auch dem Religionsunterricht große Bedeutung beigemessen, weil junge Menschen oft nur dort mit Glaube und Kirche in Kontakt kämen.“

Lebensnahere Predigten? Au ja: Bewahrung der Schöpfung, Flüchtlingshilfe, Kapitalismuskritik… Das findet man alles im unsäglichen „Wort zum Sonntag“, welches genau deshalb schon lange zur willkommenen Pinkel- und Bierhol-Pause degeneriert ist. Falls man überhaupt noch fernsieht.

Moderne Musik? Prima. Was darf’s denn sein? Meine Großmutter hörte gerne Musik im Karel-Gott-Stil, ich höre schrecklich gern polnische Volksmusik einer Gruppe aus Lublin, meine Nichten bevorzugen eher modernere Sounds. Gemeinsam ist uns allen nur, daß wir bei den unerträglichen und strunzdummen Siebziger-Jahre-Lieder gähnend abwinken.

Soziale Netzwerke und Internet? Prima! Vierhunderttausend Freunde und ganz viele „Likes“. Nur in den Gottesdienst kommt keiner mehr, weil das chatten und twittern am Samstagabend so anstrengend war, daß man am Sonntag erstmal chillen muß. Macht aber nichts. Schließlich war man ja auch auf den Kirchenseiten und tweets. Gilt doch auch.

Über die Qualität des Religionsunterrichts sagen wir mal nichts, fragen uns aber ganz leise, ob die nicht auch ein Grund für das Fernbleiben der Jugend spätestens nach der Firmung ist.

„Laut Jansen und Frick wurde auch Kritik am Zölibat, an der Rolle der Frau in der Kirche, am Nein zu praktizierter Homosexualität sowie dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen geübt. Zudem sei der Ruf danach laut geworden, dass der evangelische Partner in einer gemischtkonfessionellen Ehe an der Kommunion teilnehmen kann.“

Na also, jetzt haben wir ja alles beisammen, und das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ freut sich, dass Forderungen, die es schon seit der Jugendzeit seiner Mitglieder (also seit mehreren Jahrzehnten) stellt, mal wieder geäußert werden.

In der Frühzeit der Piusbruderschaft in Deutschland gab es eine kämpferische alte Dame, die bei solchen Forderungen immer zu sagen bzw. schreiben pflegte, es gebe ja bereits eine Glaubensgemeinschaft, die alle diese Forderungen erfülle, die protestantische nämlich. Dort könnten sie hingehen und uns, so wörtlich, „endlich in unserer Kirche allein lassen“. Hart, nicht wahr?

„Der „Heute bei dir“-Prozess startet im November in seine nächste Phase. In drei großen Foren sollen die Themen Gottesdienstgestaltung, das karitative Handeln der Kirche und ihre Präsenz an Orten wie Schulen, Kitas und Jugendeinrichtungen beraten werden. Diese und andere Themen greifen auch 13 „Teilprozessgruppen“ auf, die sich ab Ende Oktober regelmäßig treffen. Insgesamt ist der Dialogprozesse auf drei Jahre angelegt. 2021 sollen dann auch Entscheidungen über Strukturreformen in der Diözese fallen.“

Tja, wie schon gesagt bzw. geschrieben: gut, daß wir geredet haben.

Die Kirche unterscheidet sich grundlegend von alledem, was unser (in diesem Sinne) banaler Alltag ist. Sie ist und bietet keine „Show“, sie ist keine Freizeitveranstaltung mit möglichst hohem Unterhaltungswert, sie ist auch kein zweites Rotes Kreuz. Sie hat völlig andere Themen als ein komplikationsloses irdisches Leben mit Tralala und gemeinsamem Händeklatschen. Sie führt uns, wenn wir ihr folgen, in ein ganz anderes, ewiges, wirkliches Glück.

Das Bedrückende an der ganzen Sache ist: alle diese Leute, die sich da engagieren, meinen es wohl wirklich gut. Seit Jahrzehnten ist der „Normalkatholik“ einer Propaganda ausgesetzt, die ihn gar nicht mehr ahnen läßt, daß es noch ganz andere Themen gibt als die, die von bestimmter Seite immer wieder angesprochen, immer wieder eingehämmert werden. Er kann gar nicht anders! In Unterricht, Medien, Predigten geht es ja kaum noch um die Verkündigung des katholischen Glaubens, sondern um Forderungen, wie die Kirche nach Ansicht dieses oder jenes obskuren Kuratoriums- oder Zentralratsmitglieds zu sein hat. „68“ hat in der Kirche angefangen, und es wird anscheinend in der Kirche noch länger weiterleben.

Diejenigen, die noch das bewahren wollen, was an Katholischem trotz allem noch vorhanden ist, sind oft in arger Bedrängnis durch Gemeindeaktivisten oder auch / sogar Vorgesetzte. Nur zu oft wenden sie sich frustriert ab.

Deshalb sind die Kirchen leer. Deshalb gehen sowohl die, denen der Glaube nichts bedeutet, als auch die, denen er alles bedeutet. Und keinen von beiden kann man mit „meet&eat“ zurückgewinnen. Wieviele von den im „Dialogprozeß“ Angesprochenen werden wohl zu regelmäßigen Sonntagsgottesdienstbesuchern geworden sein? Oder das wenigstens in Betracht ziehen? Ich habe da so eine nicht unbegründete Ahnung… auch über die „Zukunft der Diözese“. Ehrlich: es schmerzt. Sehr.

JV