Zum Tode Jean Raspails

Jean Raspail im Dezember 2018

Vor nun fast 20 Jahren wies mich ein Freund auf das Buch „Moi, Antoine de Tounens, Roi de Patagonie“ von Jean Raspail hin. Dieses Buch, das immer noch seiner Übersetzung harrt, habe ich verschlungen: es eröffnete mir die Welt der Monarchie auf ganz und gar „raspaileske“ Weise, nämlich über genau das Scheitern einer monarchischen Idee, eines monarchischen Anspruchs. Der Bauernsohn Antoine, tatsächlich eine historische Figur, erstreitet in der Mitte des 19. Jahrhunderts gerichtlich einen Fürstentitel, rafft das Familienvermögen zusammen und bricht auf, im südlichsten Südamerika (eben in Patagonien) ein Königreich zu errichten. Natürlich scheitert er, obwohl er als König anerkannt war (ein örtlicher Indianerstamm hatte „Eviva el Rey“ gerufen, und er hatte mit diesem und weiteren Stämmen eine Schlacht gewonnen – also hatte er auch regiert). Als Verrückter wird er insgesamt vier Mal wieder nach Frankreich ausgeliefert und stirbt, völlig verarmt, mit 56 Jahren, nicht ohne sich vorher mit all seiner geringen Macht und Kraft für patagonische Ureinwohner, die in einem Pariser Zirkus als Menschenfresser vorgeführt werden, eingesetzt zu haben.

Ich hatte dann die Ehre, Raspails „Sire“ zu übersetzen, den Roman der Monarchie. Im Rahmen dieser Arbeit kam dann ein erster Kontakt zustande. Jean Raspail erwies sich als ein Mann von bewundernswert profunder, umfassender Bildung. Es wäre viel zu kurz, in ihm nur den „Visionär“, den „Weltreisenden“ zu sehen. Wie alle seine Romane, so ist auch „Sire“ gespickt voll mit Anspielungen historischer und philosophischer wie auch theologischer Art, und das macht die Lektüre zu einem ganz besonderen Vergnügen. Dazu kommt, daß „Sire“ einer der beiden Romane Raspails ist, welcher hoffnungsvoll endet. Mag sein, daß er uns sagen will, die katholische Monarchie sei eben doch unsere Hoffnungsträgerin – neben einem wirklichen Papsttum. „Der Ring des Fischers“ ist der Roman des Papsttums, auch er endet nicht ohne Hoffnung, und es ist kein Wunder, daß Papsttum und Monarchie gemeinsam solche Hoffnungsträger sind.

Über das „Heerlager der Heiligen“ muß hier nichts weiter gesagt werden, das geschieht an anderer Stelle und von anderer Seite zur Genüge. Nur ein Wort, und dieses gilt wiederum für alle Werke Raspails: die herausragende Bedeutung seines Werks besteht darin, die gegebenen Tatsachen so gut wie möglich zu erfassen, sie logisch weiterzudenken und so zu klaren Schlüssen zu kommen. Eine Monarchie wie die des Antoine de Tounens kann z.B. nicht „funktionieren“ (ebensowenig wie die Napoleons oder Napoleons III., dessen Verfassung der historische Tounens für Patagonien übernimmt), da sie den katholischen Hintergrund, die katholische Begründung, gewissermaßen die Sukzession nicht hat oder nicht haben will. Der junge Pharamond in „Sire“ hat diesen Hintergrund, und deshalb endet alles hoffnungsvoll.

Jean Raspails Werk ist ein Stachel im Fleisch jener heutigen Politik und Gesellschaft, die ihm zuwider war. Daß es existiert, verdankt es auch der Treue seiner Leser. Er wollte kein Guru sein, er war auch kein Guru, aber man konnte gewissermaßen an seinen Lippen hängen im übertragenen wie auch im wörtlichen Sinn, wenn er die momentane Lage unserer Vaterländer und die dafür Verantwortlichen auf beiden Seiten mit bitterer, überlegener Ironie kennzeichnete. Und man konnte ihn nicht mundtot machen: keines seiner Werke würde heute, im Zeitalter einer wirkmächtigen Zensur namens political correctness, erscheinen. Daß sie es doch tun, liegt daran, daß Bestimmungen nicht rückwärts angewandt werden können, und so kann man seine Bücher unverändert nachdrucken. „Die haben genau nachgeschaut“, sagte er einmal, „und wäre da auch nur ein Komma anders gewesen, hätte das Buch nicht wieder aufgelegt werden können.“

Aus dem Grabe Antoine de Tounens in Südwestfrankreich heraus habe er, Jean Raspail, die Ernennung zum Generalkonsul von Patagonien erhalten. In der Folgezeit hat er Tausende durch Einbürgerung zu treuen Untertanen Antoines I. gemacht, zu stolzen Patagoniern. Typisch raspailesker Humor war es, die völlig bedeutungslose, winzige Inselgruppe der Minquiers im Ärmelkanal zu besetzen als Antwort auf den Falklandkrieg Margreth Thatchers. Er landete dort mit Freunden in Booten, holte die britische Fahne ein, hißte die patagonische Trikolore (blau, weiß, grün). Die „Truppe“ verzehrte einiges an Gänseleber und Champagner, und wenige Tage darauf überreichte Raspail dem britischen Botschafter in Paris feierlich die zu einem Bündel zusammengerollte britische Fahne. Das ging damals durch die Weltpresse, auch die FAZ berichtete davon.

Das Königreich Patagonien ist ein Traum, dem man sich laut Jean Raspail nicht zu sehr annähern soll, weil er dann verfliegt. Im diplomatischen Jahrbuch des Königreichs (ja, das gibt es!) sind auch immer wieder diejenigen verzeichnet, die uns in das „au-delà des Patagons“, in jene andere Welt vorausgegangen sind. Unser Generalkonsul gehört nun dazu.

Jean Raspail war traditionell katholisch und ist vor seinem Tod mit den Sterbesakramenten der Kirche versehen worden. Ihm gilt unser ganz besonders inniges, dankbares Gebet für seine Seelenruhe. Wir sind traurig über den Verlust. Aber wir sind stolz und dankbar für alles das, was er uns hinterlassen hat.

Au revoir, Jean Raspail. Auf Wiedersehen!

Joachim Volkmann, Vizekonsul des Königreichs Patagonien im Rheinland