Der Bildersturm der Gegenwart ist nichts Neues: Die Revolution muß zwangsläufig die Vergangenheit schänden

Plünderung der Königsgräber 1793/94

Von den Werken Jean Raspails hat nicht nur das „Heerlager der Heiligen“ einen höchst aktuellen Bezug. Gleiches gilt für seinen Roman „Sire“, über den wir schon des öfteren gesprochen haben. Aktuell erleben wir – „erstaunlicherweise“ überall in den europäisch geprägten Teilen der Welt – einen barbarischen Umgang mit Zeugnissen der Vergangenheit. Die Zerstörung, von der nur Sozialisten meinen, sie lasse in der Folge etwas Neues entstehen, soll die Erinnerung an die großartigen Leistungen der europäischen, christlichen Vergangenheit auslöschen.

Es ist durchaus nicht unmöglich, daß nicht auch der katastrophale Brand der Kathedrale Notre-Dame im vergangenen Jahr in diese Reihe gehört. Dafür spricht, daß die wirkliche Brandursache bis auf den heutigen Tag nicht geklärt ist – und anscheinend auch nicht weiter untersucht wird.

Dieser Umgang mit der Vergangenheit ist in keiner Weise neu. Die Geschichte kennt viele solcher Versuche, angefangen von Ramses dem Großen über die verschiedenen damnationes memoriae der Römer. In der Neuzeit taten sich die französischen Revolutionäre des späten 18. Jahrhunderts besonders hervor, und genau das beschreibt Jean Raspail in einem Kapitel von „Sire“, das wir hier wiedergeben wollen.

Ganz einfach nur genial beschreibt Raspail, gestützt auf Chateaubriands „Mémoires d’Outre-Tombe“ (etwa: „Erinnerungen aus dem Grab“) den grauenhaft brutal-dummen Umgang der Revolution mit der großen Vergangenheit. Nicht nur diese Szene des an und für sich hoffnungsvollen Romans ist eine gnadenlose Abrechnung mit alledem, was wir in den letzten – sagen wir – fünfzig Jahren erleben. Raspail verschont in „Sire“ nichts und niemanden: Politiker, Künstler, Industrielle, Journalisten, Bischöfe der offiziellen Kirche – alle werden sie so vorgeführt, wie wir sie heute erleben. Allen steht jedoch immer wieder jemand gegenüber, der zeigt, daß die Kräfte der Revolution auf Dauer, möglicherweise leider auf sehr, sehr lange Sicht immer zum Scheitern verurteilt sind. Und eben das ist die Hoffnung, die diesen Roman auszeichnet und so trostvoll lesbar macht.

Den Roman kann man hier bestellen.

Der folgende Auszug behandelt die abscheuliche Schändung der Königsgräber während der Revolution. Raspail stützt sich in diesem Fall auf zeitgenössische Berichte. Nichts davon ist Fantasie.

„Am 4. September 1792 begannen die ersten Plünderungen in der Basilika Saint-Denis, die nach den Bestimmungen des Gesetzes achtzehn Tage später republikanisch werden sollte. Am 9. September feierten die Benediktiner den letzten Gottesdienst in der Kirche, deren Herren sie elf Jahrhunderte hindurch gewesen waren. Er wurde von Dom Verneuil, dem Vater Abt, der die Mitra auf dem Kopf und den Hirtenstab in der Hand trug, zelebriert. Da fehlten weder Mut noch Prunk. Sie sangen: „In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum …“
Am 14. September zerstreuten sich die Mönche, verjagt, mit dem Tode bedroht, ohne Hoffnung auf Wiederkehr.
Es begann der Todeskampf der königlichen Nekropole.
Zunächst nahm man das Dach in Angriff. Es wurde abgedeckt, der Dachstuhl wurde den Unbilden des Wetters ausgeliefert, das Blei wurde heruntergerissen und im Kirchenschiff in wüster Unordnung zwischen den Grabmalen gelagert. Am 6. August 1793 wimmelte es in der Kirche plötzlich von Soldaten mit roten Mützen und von mit Spitzhacken, Vorschlaghämmern und Brecheisen bewaffneten Arbeitern. Die Menge feuerte sie an. Durch eine seltsame Fügung des Schicksals stürzten sie sich zuerst auf die Kapelle Dagoberts L, des Gründers der Abtei, dessen liegende Grabfigur zerschlagen wurde. Einige Grabmale wurden nach einem Dekret des Nationalkonvents ausgespart, insbesondere die der Valois, „wegen ihres außerordentlichen künstlerischen Wertes“. Die anderen wurden mit dem Vorschlaghammer zertrümmert, verwüstet, und aus ihnen errichtete man am Ortseingang von Franciade, vormals Saint-Denis, auf der Place d’Armes einen allegorischen Ruinenberg. Am Fuß dieses Berges wurde eine Grotte eingerichtet, zur Erinnerung an Marat und Peletier de Saint-Fargeau, die zu Märtyrern der Revolution erhoben wurden. Die in Stein gehauenen Köpfe unserer Könige, mit zerbrochener Krone, zerschlagener Nase, zerstochenen Augen, schmückten die Pfeiler und die Giebel der Grotte.
Im September hämmerte und meißelte man in der geschändeten Klosterkirche die letzten Embleme des Königtums weg, die der republikanischen Raserei bis dahin noch entgangen waren, insbesondere am Orgelprospekt.
Vernichtet wurden die letzten Kreuze längs des Weges, den in Saint-Denis die Trauerzüge der Könige von Frankreich nahmen. Dann waren die Glocken an der Reihe. Sie litten wie Märtyrer, die auf das Rad flochten wurden.
Sie wurden mit Eisenstäben zerschlagen, und das Echo ihrer schauerlichen Klagerufe hallte im Inneren der Basilika wider.
Dann erschienen „diese Grabräuber, diese abscheulichen Menschen, die auf den Gedanken kamen, die Zufluchtsstätte der Toten zu schänden und deren Asche in alle vier Winde zu zerstreuen, um die Erinnerung an die Vergangenheit auszulöschen“. [3] Dies geschah am 12. Oktober 1793. Inmitten einer hysterischen Menschenmenge, die die Erdarbeiter mit Worten und Gesten anfeuerte, begann man, unmittelbar neben der Basilika zwei quadratische Gruben auszuheben, drei Meter lang und drei Meter tief. Die erste sollte die Gebeine der Bourbonen aufnehmen, die zweite die der Valois und der ersten Kapetinger, sowie die Überreste der Könige der beiden ersten Herrschergeschlechter, so man solche finden sollte. Nicht weit davon entfernt richtete man in einem Barackenbau eilig eine Schmelzerei ein, in der die Bleisärge der Tyrannen sich in republikanische Gewehrkugeln verwandeln sollten.
Dann erbrach man mit einem Rammbock die Türen zu den Grüften.
Der erste „Tyrann“, dem in seiner ewigen Grabesruhe Gewalt angetan wurde, war der gute König Heinrich IV. Als man den Deckel seines Eichensarges mit Hammerschlägen und einer Brechstange aufgesprengt, dann seinen Bleisarg mit einem Steinbohrer geöffnet hatte – und so in der Gruft der Bourbonen einen entsetzlichen Lärm veranstaltete -, wurde sein in ein weißes Leintuch gewickelter und beinahe unversehrter Leib sichtbar. Man wickelte den Kopf aus, und in der stickigen Luft verbreitete sich ein starker, aromatischer Duft. Er roch gut, dieser König.
Bei den anderen war das nicht der Fall. Nach einhundertdreiundzwanzig Jahren im Grab war sein Gesicht wunderbar erhalten, der Bart war fast weiß, mit heiteren Gesichtszügen und kaum entstellt. Die Leiche wurde aufgerichtet und wie eine Gliederpuppe an einen Pfeiler gelehnt. Die Menge, die um ihn herumsteht, hält einen Augenblick in ihrem Haß inne. Vielleicht ist sie sogar ein wenig bewegt bei dem Anblick dieses großen Königs, der dort steht, aufrecht, in seinem Leichentuch. Und wenn sie jetzt auf die Knie fielen, als Zeugnis eines althergebrachten Respekts?
Aber das Gesetz, das Menschenmengen leitet, duldet keine Ausnahmen. Immer ist es das Niederträchtigste und Gemeinste, das obsiegt, und das Niederträchtigste und Gemeinste zeigt sich so: ein Soldat, nicht einmal betrunken, was wenigstens eine Entschuldigung gewesen wäre, drängt sich nach vorne, spielt sich groß auf, dieser Soldat, dieser mutige Sohn des Volkes, zieht seinen Säbel und schneidet eine große Locke aus dem weißen Bart. Daraus macht er sich einen falschen Schnurrbart, und die Menge lacht und applaudiert. Nun ist es entschieden: die Menge wird barbarisch sein. Eine Megäre schwingt die Faust unter der Nase des guten Königs Heinrich, und dann, rundheraus, ohrfeigt sie ihn mit aller Kraft, so stark, daß der Leib zu Boden fällt. Das geschah am Samstag, dem 12. Oktober 1793, abends. Die Gräberstürmer gingen nach Hause, um sich am Sonntag im Familienkreis auszuruhen und befolgten so im Vorgriff eine gewerkschaftliche Ruhepause, so daß der gute König Heinrich bis zum
Montag, dem 14. Oktober, den Schmähungen des Pöbels ausgesetzt blieb. Man weiß nicht, in welchem Zustand er dann vorgefunden wurde, denn am Morgen wurde er ohne irgendwelche Umstände als erster in die Grube der Bourbonen geworfen. Nach diesem ersten Ausbruch beschleunigte man das Arbeitstempo. Ludwig XIII. wurde gar ohne die milde Gabe einer Beleidigung in die Grube befördert. Er stank nämlich. Bei Ludwig XIV. bewahrte man jedoch die republikanischen Umgangsformen. Einer der Erdarbeiter, noch so ein mutiger Sohn des Volkes, zog sein Messer mit einer langen Klinge hervor, und mit einem entschlossenen Streich schlitzte er den König auf. Eine Menge Werg kam hervor, das anstelle der Eingeweide das Fleisch in Form hielt. Ganz zu recht glaubte er wohl, über die fleischliche Realität der königlichen Überreste getäuscht worden zu sein, die unbeweglich wie eine ausgestopfte Puppe waren. Da nahm der Schlitzer sein Messer und öffnete mit Gewalt den Mund des Königs, dessen Kiefer seit achtundsiebzig langen Jahren fest geschlossen waren. Eine harte Arbeit. Aber er schaffte es, grüßte in die Runde wie ein Gladiator, und die Menge jubelte ihm zu. König Ludwig XIV., der zu seiner Lebenszeit entsetzlich
aus dem Mund gestunken hatte, stieß einen letzten Seufzer aus, der die letzten Fliegen tötete, die in der Gruft überlebt hatten. Der Sohn des Volkes entnahm dem königlichen Kiefer einen einzelstehenden Zahn, einen schwarzen und verfaulten Stumpf, den er dem Volk wie eine Trophäe zeigte. Das Volk applaudierte und brüllte vor Begeisterung.
Dann trug man die sterbliche Hülle Maria Theresias d’Austria herbei, Tochter Philipps IV von Spanien, Gemahlin Ludwigs XIV., Königin von Frankreich, liebevoll, bescheiden und alleingelassen. Die ziemlich gut erhaltene Leiche erstaunte durch ihre Kleinheit und die Feinheit ihrer Füße. Die Megären kreischten vor Wut. Sie waren von einer ungerechten Natur mit unförmigen und verkrusteten Gehwerkzeugen ausgestattet, und so stimmten sie per Akklamation für „Tod“. Man stieß die Königin Maria Theresia in die Grube, worin sie mit völlig verdrehtem Kopf versank, ihre Beine gen Himmel gereckt, sie, die so tugendhaft gewesen war, und das fand man sehr spaßig … Mit Maria von Medici wurde nicht besser umgegangen. Abgesehen von den Ringen, die sie trug und die nun zum Volk zurückkehrten, zerlief sie wie ein alter Käse. Einige Haare schwammen wie Ziegenhaar auf dieser Fäulnis. Die Patrioten stritten sich darum. Anna von Österreich, die stolze Anna, die Mantel-und-Degen-Königin, wurde sehr hastig in die Grube geschwungen. Ihre Glieder hielten nicht mehr an ihrem Körper. Man machte sich nicht einmal die Mühe, dem in Saint-Denis anwesenden souveränen Volk mitzuteilen, um wen es sich in diesem Fall handelte. Das haßvergiftete Volk rund um die Grube verdrehte die Augen und begann, sich die Nase zuzuhalten.
Meinen Sie, das Volk sei dann nach Hause gegangen, gerächt, befriedigt, wenigstens aufgeschreckt durch dieses Grauen, in dem Könige und Bauernlümmel sich gegenüberstanden, von Angesicht zu Angesicht und elendiglich gleich vor Gott? Nun denn: nein. Es weigerte sich. Je mehr die Grüfte stanken, was einen häufigen Wechsel der Erdarbeiter erforderlich machte, die sich von Grab zu Grab im zitternden Rauch der Kerzen vorarbeiteten, die ihrerseits zu ersticken drohten, desto mehr klumpte sich die Menge um diese pestdünstenden Öffnungen. In die Grube der Bourbonen schichtete man Kronprinzen, grands dauphins, petits dauphins, Mademoiselles, Grandes Mademoiselles und Monsieur, den unheilvollen Orléans, Herzöge von Burgund, von Anjou, von Aquitanien, der Bretagne,
von Montpensier, totgeborene Prinzen, denen die Megären applaudierten, weil „diese da wenigstens nicht gelebt haben“, eine verirrte Stuart, Herzoginnen von Parma, von Artois, von Angoulême, von Berry, die Pfälzerin und Turenne und den Großen Condé und so viele filles de France, die Marie hießen: Marie Zephirine, Marie-Adélaide, Louise-Marie, Marie-Elisabeth, Marie-Anne. Sie alle zerflossen wie Totenbrunnen unten in ihren Bleisärgen.
Man verbrachte sie in die Grube der Bourbonen. Oh Marie, zarte Marie … eine Kloake. In der Basilika konnte man nicht mehr atmen, aber das Volk schnupperte leidenschaftlich. Die, welche erstickt umfielen, wurden wie Helden gefeiert.
Und da entdeckte man Ludwig XV.
Weiß Gott, auf ihn hatte man gewartet, um ihm zu zeigen, wie man sich seiner erinnerte, wie sehr man ihn gehaßt hatte, als er starb, der Viel-Geliebte! Was hatte man doch über ihn geredet; er sei an der Syphilis gestorben, bei lebendigem Leibe verfault, daß man sich ihm am Ende seines Lebens nicht nähern konnte, ohne daß einem der Atem stillstand, daß man die Pest bekam, wenn man dieselbe Luft wie er einatmete, daß man ihn nicht einbalsamiert hatte, weil die Einbalsamierer starben, als sie ihn kaum berührt hatten … Er enttäuschte. Seinem Sarg entströmte keinerlei üble Ausdünstung. Zwanzig Jahre nach der Bestattung fand man ihn noch recht gut erhalten, seine weiße Haut war noch so frisch, als sei er gerade eben beerdigt worden. Seine Nase jedoch war violett, und sein Hintern war rot wie der eines neugeborenen Kindes. Er sah aus, als nehme er ein Bad, denn er schwamm in reichlich Wasser, entstanden durch die Zersetzung des Meersalzes, mit dem man seinen Leichnahm bedeckt hatte. Die Flüche blieben in den Kehlen stecken. Aber sobald das Wasser ausgeleert war, geschah etwas Grauenhaftes: die augenblickliche Verwesung setzte ein. Der Körper des Viel-Geliebten machte seltsame Bewegungen, schien sich selbst zu verdauen, bis er nur noch ein fast flacher Hautfilm war, wie ein Abdruck auf dem Boden des Sarges, von dem sich eine Wolke schrecklichen Gestanks ausbreitete und den man schnellstens in die Grube stürzte. Entsetzt floh das Volk. Unmengen Pulver brannte man ab, schoß gar Salven in die Luft in der Hoffnung, die Luft reinigen zu können. So wurde dem König Ludwig XV. Salut geschossen. Das geschah am 16. Oktober 1793, zwischen neun und elf Uhr morgens, zu der Stunde, in der die Königin Marie-Antoinette auf einem gewöhnlichen Henkerskarren zum Schafott gefahren wurde, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden und mit vor Angst zu Berge stehenden Haaren …
Am Nachmittag kam man natürlich in hellen Scharen zurück. Die Grube der Bourbonen war jetzt voll, man ging also zu den Valois über.
Als erster wurde der Sarg Karls V, des Weisen, geöffnet, der 1380 gestorben war. Das Skelett war recht gut erhalten, aber was die Grabschänder so richtig anstachelte und sie ihre Anstrengungen verdoppeln ließ, war, daß – anders als die Bourbonen – dieser Valois mit allen königlichen Insignien bestattet worden war. Man würde sich nicht vergeblich schinden, da unten in den Grüften. Von Karl V. fand man die Krone, die „main de justice“ [4], das fünf Fuß lange, von Akanthusblättern aus vergoldetem Silber überkrönte Szepter, sowie eine einfache Haselnußgerte und, im Grab seiner Gemahlin Johanna von Bourbon, eine hölzerne Spindel als Symbol der Demut, beides ein Brauch, der auf Pharamond und die heidnischen Könige zurückging.
Es bedurfte mehrerer hartnäckiger Probebohrungen und eines maulwurfartigen Vortoßens, um den Eingang zum´Grab Franz I. auszumachen. Darin entdeckte man sechs Bleisärge, welche man alsbald in die Schmelzerei beförderte, die vom Morgengrauen bis in die Nacht brummte Der Gründer des College de France [5] lag dort mit seiner ganzen Familie mit seiner Mutter, Königin Louise, mit Claude de France, seiner Frau, und mit dreien ihrer Kinder. Beim Kontakt mit der Luft verwandelten sie sich in eine schmutzige und übelriechende Brühe, die man wie Exkremente mit Eimern in die Grube der Valois entleerte. Die Gebeine folgten. Es war der letzte Herrscher, der stank, und viele bedauerten das, denn dieser Gestank schürte den Haß, der langsam abflaute. Ein Arbeiter schätzte mit dem Auge den Füllstand der Grube, der regelmäßig anstieg, und machte darauf aufmerksam, daß wohl nicht genug Platz für alle wäre. In der Abfolge der Grabschändungen hier nun „alle“: Karl VI., Isabella von Bayern, Karl VII., Bianca von Navarra, Franz II., die Königin Margot, Karl VIII., Heinrich II., Katharina von Medici, Karl IX., Heinrich III., Ludwig XII., der Vater des Volkes, Ludwig X. der Zänker, Philippe August, der noch mehr enttäuschte als Ludwig XV., weil sein Sarkophag leer war und weil deshalb die Verwünschungen wieder hinuntergeschluckt werden mußten, Ludwig VIII. der Löwe, Marguérite de Provence, die Gemahlin des Heiligen Ludwig, von der man nur zwei kleine Knochen und eine Kniescheibe vorfand, die dann, wie ein Spiel, von Hand zu Hand gingen, bevor sie in der schleimigen Grube versanken, Karl IV., der letzte der Kapetinger in direkter Linie, Philippe der Schöne, dessen Schädel eine mit Edelsteinen besetzte Krone aus vergoldetem Silber trug, Johann II. der Gute, Philippe III. der Kühne. Und das waren nur die gekrönten Häupter; mit ihnen zusammen warf man eine ganze Welt von Prinzen, Ministern, Äbten, von Oberstallmeistern, Kammerherren, von Grafen von Poitiers, von Boulogne, den Seneschall Pierre de Beaucaire, Louis de Sancerre, den Sieger von Roosebeke unter Karl VI., den Ritter von Barbazan, den großen Suger, Abt von Saint-Denis, und Matthieu von Vendôme, auch er Abt, dessen Bischofsstab später für einen Mummenschanz genutzt wurde, Bertrand Duguesclin und Léon de Lusignan, letzter fränkischer König von Armenien und erster einer immer noch offenen Reihe christlicher Flüchtlinge in Frankreich und so viele andere noch, bis die Grabschänder zu jener obskuren unterirdischen Kapelle kamen, genannt Kapelle des Aussätzigen. Von ihr nahmen sie an, der Name sei lediglich aus List gewählt worden, um einen Schatz zu schützen. Sie schlugen sie wütend in Stücke, entdeckten aber dann doch nichts weiter als die Gebeine der bescheidenen Dame Sédille de Sainte-Croix, die weder Königin noch Prinzessin gewesen war, und welche die anwesenden Megären ausführlich beschimpften, aus einer eigenartigen Neigung zur Eifersucht heraus, weil sie sich auf diese Weise über die allgemeinen Verhältnisse erhöht hatte …
Der heilige König Ludwig, auch in Saint-Denis beerdigt, wurde nie wiedergefunden. Man kann sich leicht vorstellen, mit welcher Hartnäckigkeit man ihn suchte, ihn, den als König und als Heiligen doppelt Verhaßten, den man vergeblich von einem Grab zum nächsten verfolgte. Denn sein großer Schatten liegt schützend über der alten, belagerten Basilika.
Was die anderen anbetrifft … Weil die Bleisärge bereits aus dem 16. Jahrhundert stammten, war das Fleisch „all dieser Leute“ schon zu Staub zerfallen. Einige waren gekocht worden, um das Fleisch von den Knochen zu trennen und es in Ledersäcke zu verpacken. An festen Teilen waren dann nur die Gebeine und die Schädel, deren Menge die Suppe von undefinierbarer Farbe merklich verdickten, die, gemischt mit Löschkalk, beinahe den Rand der Grube erreicht hatte und so etwas wie ein Konzentrat, eine Quintessenz unserer Könige war. Die Vertreter des Volkes spuckten hinein. Die Ausbeute an wertvollen Objekten hatte nicht ganz ihren Erwartungen entsprochen.
Unsere Fürsten hatten sich meistens in einem Hemd ins Grab gelegt, ohne Schmuck, ohne königliche Attribute, als Zeichen christlicher Demut. Das Ergebnis der Sammelaktion waren elf Kronen aus vergoldetem Silber oder
Kupfer, mit Edelsteinen und Kristallen verziert, elf Szepter oder Teile von Szeptern aus dem gleichen Metall, vier silberne mains de justice, drei Ringe, ein einziger davon aus Gold, zwei rautenförmige Mantelspangen, verziert
mit Edelsteinen und Kristallen, und der Rest eines Gürtels, besetzt mit Filigranen aus vergoldetem Silber, gerade eben etwas für einen Mummenschanz und für die Bereicherung der unlauteren Nationalkonventsabgeordneten, aus denen sich die Kommission zur Wiedererlangung des Besitzes der Tyrannen zusammensetzte. O, Maria …
Es war da etwas schauderhaft Heiliges – das unergründliche, volkhafte Heilige, jenes, das sich dem Göttlichen widersetzt, jenes, das an Gott zweifeln läßt – in der Verbissenheit dieser Grabschänder, sich wie Termiten in das Fundament der ersten Jahrhunderte hineinzugraben, als ob es ein neues Recht gäbe, über Leben und Sterben der Vergangenheit zu entscheiden, ein Recht, das ganz natürlicherweise aus der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte hervorgegangen wäre. Erschöpft, hustend, spuckend, erstickt unternahmen es diese Leichenfresser, sich einen Weg durch die ältesten Gräberschichten der antiken Basilika zu bahnen. Das geschah nicht ohne Mühe. AmOktober 1793, nach dem Sarg Philippe-Augusts, der 1223 gestorben war, irrten sie auf unbekanntem Gelände
herum, ohne Plan, ohne Orientierung, in ihren unterirdischen Galerien, die abgestützt und belüftet werden mußten.
Vielleicht spürten sie langsam mit dem Gewicht der Jahrhunderte auch das Gewicht ihrer Schande. Sie waren nicht mehr sehr zahlreich, als der Augenblick kam, diesen Rubikon zu überschreiten, begraben unter Jahrhunderten französischer Erde, angehäuft und vermischt mit königlichem Fleisch. Man muß ihnen einen einzigartigen Mut zugestehen.
Der erste dieser alten Könige, den man entdeckte, war Ludwig VII. der Junge, der sechste Kapetinger. Ludwig VI. der Dicke, sein Vater, erbrachte nur einen leeren Sarkophag, worin in einer Ecke eine Handvoll leuchtenden Staubes glitzerte. Der Chef der Erdarbeiter hielt noch gerade eben ein Kreuzzeichen zurück. Er hieß Tibérien, geboren in Franciade, ehemals Saint-Denis. Seine Gefährten hatten fast alle aufgegeben, aber die, die blieben, näherten sich Gott, ohne es zu wissen, näherten sich dem ursprünglichen Bund zwischen Gott und dem Herrscherhaus. Allmählich wurden ihre Bewegungen, wurde der Gebrauch der Schaufeln, der Spitzhacken, der Hacken, der Steinbohrer geradezu respektvoll. Sie machten keine Witze mehr, sprachen nicht mehr. Ans Tageslicht gebracht und in die Grube geworfen, denn die Befehle des Nationalkonvents waren eindeutig, wurden die Gebeine Heinrichs L, Enkel von Hugo Capet, der nach Rußland gegangen war, um dort um seine Gemahlin zu werben, Königin Anne, Tochter des Wikingerkönigs von Kiew, dann die zu Staub zerfallenen Überreste von Robert II. dem Frommen, seines Vaters, des zweiten der Kapetinger, geboren im Jahre 970. Von ihm an wechselten die Grabschänder das Jahrtausend und auch die Dynastie, gleich zweimal, und unter den Fliesen des Chores der Basilika drangen sie tief in ein Gräberlabyrinth ein.
Auf engem Raum vermischten sich auf mehreren Ebenen in die Tiefe die ältesten der Kapetinger, sowie auch eine Menge Merowinger, Karolinger, mit Hugo Capet, der auch ein Karolinger war in direkter Abstammung von Karl Martell, der seinerseits in gerader Linie von Chlodio dem Behaarten abstammte, dem älteren Bruder von Merowech und Sohn des Königs Pharamond, der der erste unserer Könige war. Childerich, Childebert, Chlotar, Charibert, Chilperich, Chlodwig, Thierry und auch einige dieser schrecklichen Königinnen, die die Namen Ultrogothe, Bertrude, Batilde, Bilehilde trugen, konnten nicht identifiziert werden. Die eingravierten Inschriften waren unleserlich.
Man fand Gebeine zu Haufen geordnet in Steintrögen, ihre Anonymität rettete sie nicht vor dem Versenktwerden in der Grube der Valois. Zum Ausgleich hatte man Informationen über die Lage einer Gruft in der Mitte des Chores, welche die Überreste Kaiser Karls des Kahlen enthielt, Königs von Frankreich, Unterzeichner des berühmten Vertrags von Verdun im Jahre 843, vielleicht der eigentliche Gründer des Königreichs nach der Teilung des Kaiserreichs Karls des Großen. Zweifelsohne erklärt das die Verbissenheit der Kommissare, diesen Herrscher aufzutreiben, der gleichfalls einer der großen Wohltäter der Abtei Saint-Denis gewesen war, die mit großem Pomp jedes Jahr sein Jahrgedächtnis feierte – bis zum Beginn der Revolution. Man versprach den Erdarbeitern eine Prämie.
Sie wühlten sich wie Frettchen durch enge Gänge. Die Gebeine Karls des Kahlen wurden im Inneren eines kleinen Holzkästchens gefunden, das mit seinem Monogramm versehen und unerklärlicherweise intakt war und sich in einem Steintrog mit Deckel befand. Das Kästchen schwamm einige Augenblicke auf der Oberfläche der Grube, inmitten dicker ekliger Blasen, dann schwankte es wie ein kenterndes Schiff und verschwand mitten in diesem Magma, das in Wirklichkeit eine vollendet königliche Vereinigung war.
Zum Triumph für die Kommissare aber wurde die Entdeckung von Dagobert I. Endlich! Man hatte die Abtei zerstört, die Basilika verwüstet, die Nekropole vernichtet, die Gräber, und jetzt würde man auch jenen Despoten auf immer verschwinden lassen, der am Anfang all dessen gestanden hatte: den Gründer der Abtei, den, der sie in den Rang einer einzigartigen königlichen Begräbnisstätte erhoben hatte – Dagobert, den Salomon der Franken! Als sie nach erschöpfender unterirdischer Plackerei auf seinen Sarkophag stießen, stellten die Söhne des Volkes freudig überrascht fest, daß er dort nicht allein war. Die Königin Nantilde, seine Gemahlin, die er so romantisch aus einem Kloster entführt hatte, ruhte bei ihm, in einem zweigeteilten Sarg, in Form eines kleinen Knochenhaufens, der in ein Seidentuch eingeschlagen war. Zweifacher Treffer! Der Schädel der Königin fehlte, aber derjenige des Königs war elfenbeinweiß und leuchtete im Widerschein der Kerzen. Die Körper mußten wohl abgekocht worden sein.
Auf dem Kasten waren zwei Inschriften mit einem Stichel angebracht worden, sie waren noch lesbar: „Hic jacet corpus Dagobert!“ und „Hic jacet corpus Nantildis“. Der Triumph mäßigte sich schnell durch eine bittere Enttäuschung, denn der prunkliebendste der Merowinger, berühmt für seinen Schmuck, seine Kutschen, seine Jagdhunde, seine goldbestückte Kleidung, hatte sich beerdigen lassen wie ein Bettler. Man breitete die Gebeine auf einer Fliese aus. Nicht der kleinste Edelstein, nicht der winzigste Goldring. Mit Besen und Schaufel wurden Dagobert und Nantilde wieder vereint und dann mit Schwung in die Grube geworfen.
Die Grube der Bourbonen wurde am 16. Oktober 1793 geschlossen, jene der Valois und der anderen Herrscher am 21. desselben Monats. Das war der zweite Tod unserer Könige, der dort vollzogen wurde. Man schüttete beide Gruben zu. Man bedeckte sie mit Erde. Man trat sie sorgfältig fest. Man fuhr von Pferden gezogene Walzen darüber.
Man stellte Wachen auf, um unwahrscheinliche Äußerungen volkstümlicher Ergebenheit zu verhindern. Es war eine unnötige Vorsichtsmaßnahme. Das Volk hatte sein Gedächtnis verloren. Tibérien, der Chef der Erdarbeiter, wandt sich ab und ging betrübten Herzens nach Hause. Er war Sansculotte [6], Pfaffen- und Adligenfresser, Denunziant, Sektionär und freiwilliger Leiter der Grabschändungen seit dem 12. Oktober. Aber diese dreizehn Tage der Schande und des Schreckens hatten nach und nach einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Eine Art Gnade rührte ihn an, und er schwor ganz stillschweigend den etwa fünfzig Königen Treue, die er mit seinen eigenen Händen exhumiert hatte.
Den Kommissaren und den heldenhaften Söhnen des Volkes verblieb es nun noch, dem Nationalkonvent über den Abschluß ihrer Mission zu berichten. Es gelang ihnen, dieser Handlung eine republikanische Pracht und eine breite öffentliche Aufmerksamkeit zu verleihen und zu sichern. Das, was man in den Gräbern gefunden hatte, und darüber hinaus das, was noch übriggeblieben war nach den Plünderungen der Abtei, wurde auf sechs Karren geladen, die mit blau-weiß-roten Fahnen geschmückt waren. Reliquien und Reliquiare, Reliquienschreine und Heiligenbilder, Kerzenständer, Kelche, Monstranzen, vergoldete Silberstatuen, alles, was Großherzigkeit und Glaube seit zwölf Jahrhunderten angesammelt hatten, das goldene Kreuz des hl. Eloi, und wunderbare Altardecken, Ergebnisse lebenslanger Arbeit einiger unserer frommen Königinnen, all das nahm seinen Weg nach Paris inmitten einer jubelnden Volksmenge, die ordentlich getrunken hatte und das „Ça ira“ [7] sang. Vorneweg torkelte Pollart, Bürgermeister von Franciade, natürlich vormaliger Priester, und der erste im Distrikt, der die Soutane ausgezogen hatte, mit der Jakobinerjacke bekleidet, den Bauch mit seiner Schärpe umgürtet. Ihm folgten rittlings auf zwei Eseln, die man mehr schlecht als recht unter lautem Gelächter mit Kaseln und Stolen bekleidet hatte, die ebenso angeheiterten Gemeindevertreter von Franciade. Einer von ihnen hatte sich eine Mitra aufgesetzt und schwenkte den Bischofsstab von Matthieu de Vendôme, Abt von Saint-Denis im 13. Jahrhundert. Mit Kaseln und Dalmatiken, die Mondgesichter ebenfalls von Mitren überragt, hatten sich die Kutscher als Bischöfe verkleidet. Die Zugpferde, Stolen um den Hals, verschwanden unter Altardecken, die ihnen um die Hufe schlugen und mit Pferdemist und Schweiß verdreckt wurden. Der Festzug verlor auf seinem Weg einige sturzbesoffene Söhne des Volkes, aber das Volk war derartig großmütig, daß es für jeden, der ausfiel, gleich zehn neue stellte. Im Nationalkonvent angekommen, hickste der Bürgermeister Pollart, Ex-Priester, eine sehr würdige Ansprache hervor:
„Bürger Volksvertreter, wir bringen euch hier all die stinkenden Reliquien und den vergoldeten Moder von Franciade. Wir bitten euch, uns ohne Aufschub davon zu befreien, damit das katholische Gepränge unsere republikanischen Augen nicht mehr verletzt“.
Daraufhin rief der Präsident während er mit weit ausholender und emphatischer Geste die sechs Wagen und ihre Fracht bezeichnete:
„Oh, ihr Werkzeuge des Fanatismus, Heilige, Selige aller Art, werdet nun endlich Patrioten! Erhebt euch in Massen, marschiert los zur Rettung des Vaterlandes, begebt euch in das Münzamt, und möget ihr uns durch eure Unterstützung in dieser Welt schon so glücklich machen, wie ihr es uns für eine andere versprochen habt!“
Abgesehen von dem, was in der einen oder anderen republikanischen Tasche verschwand, wurde tatsächlich alles eingeschmolzen, bis hin zu den Gold- und Silberfäden. Dem entkam offiziell nur das Szepter Karls V., verziert mit Akanthusblättern aus vergoldetem Silber, das einem Nationalkonventsabgeordneten ins Auge fiel, dessen Fanatismus durch guten Geschmack gemäßigt wurde.
Über den Gruben in Saint-Denis wuchs das Grün, verwischte alle Spuren inmitten der Ruinen. Im Januar 1817 befahl König Ludwig XVIII. die Wiederherstellung der königlichen Grabstätten im Inneren der restaurierten Basilika, niemand jedoch wußte mehr, wo denn genau die Gruben lagen auf dieser unbebauten Fläche, die das Heiligtum umgab. Da meldete sich ein bejahrter Mann bei Monsieur de Dreux-Brézé, dem Oberzeremonienmeister, den der König mit dieser Aufgabe betraut hatte. Es war Tibérien, der Erdarbeiter.
Neben ihm stand, seine Hand haltend, ein Junge von etwa zehn Jahren.“

JV