Nichts Neues: Herrschen durch Angst

Ach! Hätte man doch im Geschichtsunterricht besser aufgepaßt! Nun ja, das gilt für den Fall, daß man einen Lehrer hatte, der nicht nur nach den offiziellen Lehrbüchern vorging oder sich an jenen Unterrichtshilfen orientierte, die einschlägigen Verlagen goldene Nasen eintragen, sobald Junglehrer merken, wie es um die Qualität ihrer Ausbildung steht bzw. stand.

In früheren Zeiten waren die Eliten eines Landes bestens ausgebildet. Für Britannien galt das auch: hier waren wohl Oxford und Cambridge konkurrierende, also bestens funktionierende Ausbildungsstätten. (Das scheint heute nur noch sehr eingeschränkt zu gelten: wie man hört genügt es, in Cambridge laut zu äußern, daß white lives don’t matter, und schon solidarisiert die Lehranstalt sich dadurch, daß man Professorin wird. Oder Professierende. Oder so.) Über den Stand der Philosophie in Cambridge kann man sich auch ein Bild machen, indem man „Patricia MacCormack“ googlet. O tempora.

Zurück zum Thema. Die solcherart (soll heißen: damals sehr gut) Ausgebildeten zogen sich, einmal zu Amt, Würden und Einfluß gekommen, zum Wochenende auf ihre Landgüter zurück. Dort widmete man sich nicht nur dem manchmal eher dekadenten Müßiggang, sondern auch der intensiven Lektüre römischer Geschichtsschreiber: hatten diese doch in allen Einzelheiten beschrieben, wie man ein Weltreich nicht nur aufbaut, sondern auch über sehr lange Zeit erhält. Wen wundert es da, wenn Britannien alsbald zielstrebig zu Großbritannien wurde und das bisher räumlich größte, zeitlich aber recht begrenzte Reich der Geschichte aufbaute. Wie die Römer auch gebrauchten sie dabei nicht unbedingt nur Mittel friedlicher Überzeugung von der Überlegenheit der lateinischen Kultur, sondern auch grobe Machtmittel, von denen ein gewisser Eric Arthur Blair so abgestoßen war, daß er seinen bei der britischen Armee erworbenen psychischen Schaden unter dem Pseudonym George Orwell in dem Roman 1984 abarbeitete. Laut neueren Forschungen beschreibt er darin nicht die Methoden kommunistischer Herrschaft, sondern (was u.a. die Verhörmethoden anbetrifft) genau das, was er beim britischen Geheimdienst in Indien gesehen und miterlebt hatte.

Zu Recht sprechen wir von der anglo-amerikanischen Herrschaft. Als Zöglinge und dann auch Erben der Briten hatte die Politiker der USA (anfänglich) natürlich auch deren historische Bildung übernommen. Auch sie lasen Livius, Thukydides, Caesar und all die anderen. Und besonders genau untersuchten sie das Prinzip der verschiedenen Abhängigkeiten unterworfener Völker, von „Verbündeten“ bis hin zu Feindstaaten. Die „Atlanikbrücke“ ist auch nur eine solche Kopie. Und Guantanamo sollte man auch hier erwähnen. Wir wollen aber dieses Feld des Nutzens historischer Bildung verlassen, um endlich zu unseren eigentlichen Thema zu kommen.

Die französischen Revolutionäre waren (natürlich gab es Ausnahmen) nicht sonderlich gebildet. Wie allen Sozialisten, so galt auch ihnen die Vergangenheit nichts, ganz im Gegenteil. Für die Gegenwart hatten sie ein besonders feines Mittel, und das ging so:

In der Anfangszeit der Revolution, also ab 1789, war es durchaus nicht sicher, daß das Volk sich hinter die Revolution stellen würde. Es sah sogar danach aus, als schwäche sich der revolutionäre Elan immer stärker ab, je mehr man sich von Paris entfernte. Was tun?

Plötzlich tauchten Gerüchte auf. Gerüchte haben das so an sich: aus dem Nichts stehen sie plötzlich da. Ganz plötzlich taucht da aus dem Nichts die Angst vor irgendeiner zweiten Infektionswelle auf; man hört von ganzen Betrieben, die durchseucht sein sollen, da sterben die Leute wie die Fliegen… Zurück zur Revolution. Die damals auftauchenden Gerüchte paßten so erstaunlicher- wie auch erfreulicherweise genau ins Konzept der Revolutionäre, der nun Herrschenden. Man hörte, der Spanier erhebe sich und sende Truppen, um die französische Republik anzugreifen. Die Engländer sollten schon schwer bewaffnete Schiffe losgeschickt haben, um Frankreich wieder dem Joch des Königs zu unterwerfen. Und gar die deutschen Fürsten, allen voran Habsburg, die stehen schon säbelrasselnd an den Grenzen. Und zwar auf Betreiben der Adeligen, die ihre Vorrechte behalten wollen, gegen das Volk. Die sollen ganze Armeen aus Bettlern zusammengestellt haben, um zu rauben und zu stehlen – wenn nicht noch mehr! Hat man gehört. Soll ganz sicher sein.

Die Angst herrscht in Frankreich. Angst vor Angriffen von allen Seiten. Die Welt ist voller Viren, hmmm, Feinden. Und was tut man in solchen Augenblicken? Richtig! Man schart sich um die, welche jetzt noch Sicherheit und Ordnung versprechen und alles im Griff haben. Um die, welche den marodierenden Truppen, welche die Städte verwüsten, Einhalt gebieten. Klar: was die Revolution so alles tut, das ist auch nicht jedermanns Sache, aber in diesem Augenblick der Not, da muß man zusammenstehen, zusammenhalten!

Und so kommt es, daß die Revolution über diese gefahrvolle Anfangsphase mehr oder weniger glatt hinwegkommt und sich durchsetzt. Das tut sie bis in unsere Zeit. Erfolgreich. Ein einfaches, klares, leicht durchführbares massenpsychologisches Konzept. Heute mehr denn je zuvor ist es nachprüfbar. Damals, im frührevolutionären Frankreich zwischen Juli und August 1789, hieß es „La Grande Peur“, und man könnte die eine oder andere gleichgeartete Aktion bis heute auch noch so nennen.

Das findet man, soweit wir das nachverfolgen können, nicht mehr in den heutigen Geschichtsbüchern. Wundert uns das? So manches findet man ja nicht mehr darin, zum Beispiel auch die vergeblichen Versuche der Sozialisten der französischen Revolution, die zusammenbrechende Wirtschaft (typisch für den Sozialismus) durch Kredite und staatliche Werkstätten („Nationalwerkstätten“) zu retten.

Ärgerlich nur, wenn sich alte Leute auf Grund eines denn doch nicht ganz so schlechten Geschichtsunterrichts daran erinnern, vor nun mehr als 50 Jahren so etwas in ihren Geschichtsbüchern gelesen zu haben.

Aber: eine wirkliche Gefahr sind die Alten nicht mehr. Noch nicht einmal eine Gefährdung. Die Jugend hüpft, oder sie fährt mit luftverpestenden Mofas immer im Kreis. Und das sind noch die harmlosen unter ihnen; von den anderen reden wir jetzt nicht, jeder weiß, was gemeint ist. Ihre Eltern haben Hartz 4 oder schuften sich tot – oder sie gehen gerade pleite.

Ja! Geschichtswissen ist gefährlich! Deshalb singen die französischen Kommunisten ja auch in ihrer Hymne: „Du passé faisons table rase“ – die Vergangenheit fegen wir hinweg. Womit wir wieder beim Anfang dieses Artikels wären.

JV