Der Innenminister tritt zurück: über die Lächerlichkeit angemaßter Symbolik und Würde

„Sieben Stunden später stieg der allmächtige Minister Pierre Roth mit ebenso undurchdringlicher Miene wie immer vor der Freitreppe des Elysée-Palastes aus dem Wagen. Der wöchentliche Ministerrat. Der Auftrieb der Exzellenzen. Die Diener und ihr großer blauer Regenschirm. Die repu­blikanische Routine.

Der Tischüberwurf auf dem Ratstisch war nicht grün, sondern blau wie die Regenschirme. Als Staatsminister und Innenminister saß Roth zur Rechten des Präsidenten. Hinter seiner üblichen Maske mit starren Ge­sichtszügen, die Hände vor sich auf dem Tisch gekreuzt, den Rücken gera­de und regungslos, der Blick jedoch immer wachsam, umherschweifend und suchend, in welche Augen eines kleinen Ministers er sich bohren soll­te, der sich dann ängstlich fragte, warum er in Ungnade gefallen war – hin­ter dieser Maske träumte Roth in Wirklichkeit. Ein Ministerrat dient zu gar nichts. Schon bevor man Platz nimmt, ist das Kommuniqué bereits fertig. Gekocht wird woanders. Jeder Minister sagt sein Verslein auf. Der Präsi­dent dankt, gibt zu bedenken, stellt richtig, unterstreicht, vervollständigt, faßt zusammen und zeigt Prioritäten auf. Alles nur Spiegelfechterei. Pierre Roth sprach am Ende der Ministerratssitzung, so war die Rangfolge. Er­nennungen, Gesetzesvorhaben, Berichte, er las mit eintöniger Stimme. Plötzlich aber änderte sich seine Stimme. Sie hatte einen Unterton von völlig unüblicher Fröhlichkeit, als er laut und deutlich ankündigte:

„Herr Präsident, ich habe die Ehre, Ihnen meinen Rücktritt einzurei­chen. Hier ist der Brief, den ich verfaßt habe. Er ist auf morgen datiert, auf elf Uhr. Bis dahin werde ich, wie es üblich ist und wenn Sie es nicht anders anordnen, die laufenden Angelegenheiten erledigen.“

Alle warteten wie versteinert.

„Kann man Ihre Beweggründe erfahren?“, fragte der Präsident mit mat­ter Stimme.

„Aus persönlichen Gründen“, sagte Roth.

Mehr konnte man nicht aus ihm herausbringen, und man kam überein, daß die Neuigkeit nicht vor dem nächsten Tag veröffentlicht werden soll­te.

Der Präsident schloß die Sitzung.

„Du schuldest mir trotzdem eine Erklärung“, flüsterte er Roth ins Ohr. „Ich erwarte Dich in meinem Büro.“

Roth zuckte unmerklich mit den Schultern: „Wenn Sie wünschen, Herr Präsident.“

Das Büro war in der ersten Etage, mit drei Fenstern zum Garten hin. Roth ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Die mit Goldfäden umstickte Fahne war an ihrem Platz, so wie auch das ganze Dekor der Macht. Auch der Hund fehlte nicht, ein Windspiel, der in direkter Linie aus den Hundezwingern Franz I. abstammte. Wie lange diente er diesem Mann? Vierzig Jahre! Und erst heute entdeckte er … Plötzlich packte ihn ein Lachanfall.

„Warum lachst Du?“, fragte der verdutzte Präsident. „Über Dich! Du hier drin!“, antwortete Roth. „Du wolltest eine Erklärung, hier ist sie. Ich finde Dich einfach lächerlich …“

In diesem kurzen Auszug aus Jean Raspails berühmten Roman „SIre“ zieht der „allmächtige Innenminister“ Roth die Konsequenzen aus seiner Erkenntnis, daß „entliehene“ Symbole und angemaßte Traditionen nicht nur überhaupt nicht zählen, sondern auch ganz einfach lächerlich wirken (können), wenn man die echte Tradition, die echte Symbolik kennengelernt hat. Man denkt in diesem Zusammenhang auch gerne an das Verhör Bernadette Soubirous durch den Kommissar Jacomet, von dem sie hinterher lachend berichtet, der Troddel an seiner Uniformmütze habe so lustig hin- und hergewackelt. – Es wäre fahrlässig, aktuelle Bezüge herstellen zu wollen: handelt es sich bei „Sire“ doch um nichts anderes als um einen Roman.

JV