Ist es erlaubt, dem Bischof Steuern zu zahlen?

Der Schriftsteller Rudolf Krämer-Badoni (1913 – 1989) ist heute so gut wie vergessen. Er galt als Konservativer und als Antikommunist, arbeitete u.a. für die FAZ und die Welt, vor allem aber als freier Schriftsteller. Zunächst begrüßte er die liturgischen Veränderungen durch das 2. Vatikanische Konzil als Befreiung von der „katholischen Gymnastik“. Die Begegnung mit Erzbischof Lefebvre bewirkte bei Krämer-Badoni tiefere Einsicht,  Wende und Umkehr. 1980 erschien seine Kampfschrift „Revolution in der Kirche“, die zwar den Geist jener Zeit atmet (wie sollte sie nicht?), aber eine ganze Fülle an Informationen und Gedankengängen enthält, die auch heute noch zu uns sprechen. Das gilt auch für das Kapitel über einen möglichen „Kirchenaustritt“, das wir unten auszugsweise zitieren wollen.

Krämer-Badonis zeit- und umständebedingte Wortwahl muß an dieser Stelle vorausgreifend und in seinem Sinne genauer gefaßt werden. Selbstverständlich gilt, daß ein Kirchenaustritt für einen Katholiken keine Option ist: extra ecclesiam nulla salus – außerhalb der Kirche kein Heil. Korrekterweise muß man also von einem „formalen“ oder auch „formellen“ Kirchenaustritt sprechen, dessen einziges Ziel es ist, die allgemein erhobenen Geldzahlungen, die man vor seinem Gewissen nicht mehr vertreten kann, an andere Einrichtungen der Kirche zu entrichten. Selbstverständlich ist der Katholik zum Unterhalt der Kirche verpflichtet! Jedoch kann er nicht gezwungen werden, gegen sein ernsthaft geprüftes Gewissen zu handeln, und da hat er ja nur die Möglichkeit, formal oder formell seinen „Kirchenaustritt“ zu erklären. Es empfiehlt sich – sollte man zu einem solchen Schluß kommen – dem zuständigen Ortsbischof eine entsprechende Mitteilung zu machen, daß man die Kirche Jesu Christi eben nicht zu verlassen gedenkt, sondern den Kirchenbeitrag lediglich seinem Gewissen folgend zu entrichten gedenkt, wie in den meisten Ländern der Welt üblich.

Dieses Vorgehen ist nach einem durch den Heiligen Vater Benedikt XVI. veranlaßten Schreiben aus dem Jahr 2006 völlig rechtmäßig. Wir werden dieses Schreiben in den nächsten Tagen mit Angabe des Fundortes an dieser Stelle veröffentlichen.

Wohlgemerkt: es ist keinesfalls unsere Absicht, zum „Kirchenaustritt“ aufzufordern. Wenn aber jemand aus guten Gründen vor seinem Gewissen nicht mehr vertreten kann, schlimmste Fehlentwicklungen zu unterstützen, dann mögen ihn diese Hinweise in seinen ernsthaften Überlegungen unterstützen.

Er kann zweierlei tun. Er kann sich den Priestern anschließen, die an der unreformierbaren, dogmatischen und ex cathedra deponierten Lehre festhalten und treu die uralte Messe feiern und die unverwässerten Sakramente spenden, und er wird für den Lebensunterhalt dieser fast immer verbannten Priester und für die Erhaltung des Gotteshauses sorgen. Was er bisher der konziliaren Kirche gegeben hat, wird er jetzt den glaubenstreuen Priestern und ihrem Gotteshaus übergeben.

Zweitens, und das ist die Konsequenz aus dem ersten, kann er, wenn er in Deutschland lebt, aus der Steuern erhebenden Anstalt, die sich katholische Kirche nennt, austreten. Steuerverweigernder Austritt ist nötig, wo die Kirche eine öffentlich-rechtliche Anstalt ist. In den USA und in Frankreich z. B. ist sie ein privater Zusammenschluß, dort gibt es keinen juristisch notifizierbaren Austritt aus einem Steuerverband; dort gibt es keine Kirchensteuern, sondern von vornherein nur private Spenden.

Als ich zum erstenmal von Freunden hörte, daß sie ausgetreten seien, erschrak ich und fragte sie, wie sie das im Gemüt verkraften. Ich wurde belehrt, daß ein streng gläubiger Katholik, der die umfunktionierte Kirche aus Protest gegen die modernistische Häresie verläßt, seinem Glauben damit nicht abschwört, sondern im Gegenteil den Glauben höher stellt als die strohemen Episteln der Hierarchen, das Meßopfer höher stellt als die zweifelhafte Gültigkeit des lutherisierenden Herrenmahls. Wer aus solchen Gründen aus der Amtskirche, die er teils für abtrünnig, teils für zweideutig hält, austritt, bleibt Katholik, bleibt dem mystischen Leib der Una Sancta Apostolica Ecclesia verbunden.

Ich habe diese Belehrung geprüft und mit Kanonisten darüber gesprochen, die sie im wesentlichen dann richtig fanden, »wenn einer nach reiflicher Prüfung überzeugt ist, daß sein Verbleiben in der konziliaren Kirche ein Betrug am Glauben wäre« Darin eingeschlossen ist auch der politische Betrug, den die federführende Konzils-Kommission unter Übertölpelung wohlmeinender Berater verübt hat. Ich habe den fürchterlichen Satz zweimal zitiert, hier folgt er zum drittenmal. In Artikel 21 von »Kirche und Welt“, wo ohne direkte Namensnennung vom Kommunismus und vom kommunistischen Atheismus die Rede ist, heißt es: »Wenn die Kirche auch den Atheismus eindeutig verwirft, so bekennt sie doch aufrichtig, daß alle Menschen, Glaubende und Nichtglaubende, zum richtigen Aufbau dieser Welt, in der sie gemeinsam leben, zusammenarbeiten müssen« Dieser Befehl allein schon würde genügen, der konziliaren Kirche den Verlust der christlichen Legitimation zu bescheinigen. Denn zwar hat dieses Konzil keinen Beschluß mit dem Siegel der Unfehlbarkeit versehen, aber nach dem Kirchengesetz ist der Katholik einem Konzil und dem Papst auch dort zum Gehorsam verpflichtet, wo er nicht zum bedingungslosen Glauben verpflichtet ist.

Diese politisch kriminelle und intellektuell schwachsinnige Anordnung aber ist nicht nur unannehmbar, sie muß vielmehr energisch bekämpft werden. Eine Kirche, ein Konzil, ein Papst, die der Meinung sind, der ››richtige« Aufbau der Welt könne erreicht werden durch Kollaboration von Nichtkommunisten mit Kommunisten, und dieser Meinung sogar so sehr sind, daß sie ihre Meinung in Form eines Befehls an die Katholiken fassen, – eine solche Kirche, ein solches Konzil, ein solcher Papst haben keine Legitimation von Christus, sie haben dem Gläubigen nichts zu sagen, sie müssen vielmehr von den Gläubigen bekämpft werden, und das sogar im Namen Jesu Christi.

Komme mir keiner mit der schlauen Rede, es stünden auch noch viele andere Dinge in den Konzilstexten. Von diesen hier zitierten und einigen anderen leiten die marxistischen »Katholiken“ die Berechtigung für Marxismus, die Berechtigung für bewaffneten Kampf gegen nicht genügend soziale Regierungen, die Berechtigung zur Umdeutung des Evangeliums her. Und komme mır keiner mit der lächerlichen Bemerkung, die Kirche sei pluralistisch geworden. Jesus Christus war nicht pluralistisch, die Kirche war bis zum zweiten Vatikanischen Konzil zweitausend Jahre lang nicht pluralistisch, und der mystische Leib Christi ist auch heute nicht pluralistisch.

Es genügt auch keineswegs, daß das oberste Lehramt immer wieder verkündet, Christentum und Marxismus seien unvereinbar. Ich sagte schon früher, daß .damit immer nur der Atheismus der Kommunisten gemeint ıst. Es handelt sich aber im Kommunismus in Wirklichkeit um eine religiös, politisch, wirtschaftlich und menschlich unerträgliche Despotie. Wenn die Kirche sich dieser zynischen, staatskapitalistischen, extrem ausbeuterischen Doktrin anpaßt (kollaborieren „müssen«), dann genügt nicht Widerspruch, denn Pluralismus zwischen Christentum und Marxismus ist ebenso undenkbar wie Pluralismus zwischen Kommunismus und Nichtkommunismus auf politischem Gebiet, sondern dann erfordert das Widerstand und Bekämpfen dieser Kirche, wiederum im Namen Jesu Christi. Das ist der zweite, politische, aber wiederum religiös legitimierte Grund zum Ausscheiden aus der Amtskirche.

Wieso aber im Namen ]esu Christi? Ich kann das darlegen und werde das auch gleich tun, aber wir sollten nie vergessen, daß bis zum II. Vatikanischen Konzil die Verdammung des Kommunismus sich von selbst ergab.

Bis zu dem Zeitpunkt nämlich galt in der Kirche die prinzipielle Forderung, auch der Staat habe sich dem Sittengesetz und der wahren Religion zu fügen, eine prinzipielle Forderung, die nichts von ihrer Berechtigung einbüßte, auch wenn sie nicht durchsetzbar war. Das II. Vatikanische Konzil hat den Staat jedoch in den Laizismus entlassen. (…).

Jetzt aber, nach dieser unchristlichen Abtretung durch das Konzil, jetzt muß man den Zusatz »im Namen Jesu Christi« eigens darlegen. Also denn, dieser Selbstverstümmelung der konziliaren Kirche liegt ein ganzes Syndrom von Denkfehlern zugrunde: Erleichterung durch Verallgemeinern, Verwischen durch Abstraktion, Zerstörung durch Begriffsvermengung. Statt »liebe deinen Nächsten« heißt es plötzlich: liebe die Menschheit, – und schon bin ich »dem zudringlichen bedürftigen Nächsten los. Statt »verkauf alles und schenk den Erlös den Armen« heißt es plötzlich: Lösung der sozialen Probleme durch Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen, – und schon bin ich die zudringliche Zerstörung meines Behagens los. Und statt sozialer Beziehung zu den Nächsten, nämlich meinen Angehörigen, Mitarbeitern, auftauchenden Bittstellern, statt dessen wird der Sozialbegriff der Sozietät, ja sogar der Sozialbegriff genereller Kommunikation mit hereingezogen, – und schon verschwindet im Begriffsgemenge alles Konkrete, alles Persönliche, alles, was mich und meine Metanoia betrifft.

Jesus meinte nicht das abstrakt kommunikatorische Soziale, Jesus meinte nicht das gesellschaftlich vermittelte strukturell Soziale, Jesus meinte das Soziale, das konkret ist, meinen unmittelbaren Umgang. Er meinte mich. Er meinte dich. Er meinte die Seinen, die von Gott und von Seiner Botschaft Ergriffenen.

Aus der persönlichen Ergriffenheit, aus der persönlichen Hingabe an Gott und jesus Christus fließt als erstes Offenheit für die Nächsten, die mir anvertraut sind, und die Nächstbesten, die sich mir anvertrauen, die mir zunächst über den Weg laufen, und dann kann sich auch (muß aber nicht) das Mitwirken an gesellschaftlichen Aufgaben ergeben. Und nicht umgekehrt. Es gibt für Jesus keine anonyme Liebe, keine anonyme Berauschung für die ››Menschheit« (wobei stets der Nächste übersehen wird), keine anonyme Sorge für gesellschaftliche Strukturen, es gibt die konkrete Liebe für konkrete Personen, und alles weitere fließt daraus und nur daraus. Aus der Gottes- und Christenliebe strömt unmittelbare Liebe ins konkret Soziale. Alles Weitere, was sich daraus ergibt, die Mitwirkung am allgemeinen Wohl, ist stets in Gefahr der persönlichen Verfehlung. Es läßt sich von Christi Kirche her ein Staatsmann denken, der die Gebote Gottes zu erfüllen sucht, aber es läßt sich kein kommunistischer Revolutionär denken, der die Gebote Gottes zu erfüllen sucht.

Erst die modernistische Theologie und Pastoral hat den Kirchgänger und Sakramentenempfänger und Almosenspender als eine mediokre Figur, einen Christen zweiten Ranges entdeckt. »Jedenfalls aber wäre es religionspädagogisch unerwünscht, wenn in unseren Gegenden die regelmäßige Erfüllung der „Sonntagspflicht“ auch weiterhin als das Kriterium der Zugehörigkeit zur Kirche und der christlichen Existenz empfunden würde. Das „Praktizieren« eines Christen muß an genaueren und differenzierteren Maßstäben gemessen werden, sagt Karl Rahner. Statt dessen entdeckte man den »anonymen Christen, den Nichtchristen und Christusgegner, der in Wirklichkeit, ohne es zu wissen, der bessere Christ ist.

Und Alain Besançon beschreibt voller Spott als Zeichen der kirchlichen Desinstitutionalisierung (in »La confusion des Langues«) die pastorale Vorhut, die »die alten Weiber aus den Beichtstühlen wirft, die bürgerlichen Katholiken in Pfarrkinder zweiten Ranges herabstuft und sie allwöchentlich beschimpft und in Anklagezustand versetzt«.

Diese pastorale Vorhut fühlt sich am wohlsten dort, »wo mit Sicherheit keine Christen anzutreffen sind… Dem Heiden predigen sie das Heidentum, da es erwiesen ist, daß darin ein ›wahres Christentum‘ enthalten ist und daß es genügt, dem Kommunisten einen wohlverstandenen Kommunismus darzulegen, der in seiner Quintessenz nichts anders als die „evangelische Botschaft« ist.

Da haben wir also das nichtinstitutionelle und das anonyme Christentum der ››erneuerten« Kirche. In dieser wirrköpfigen Atmosphäre kann alles gedeihen, was die Päpste bis in die Mitte dieses Jahrhunderts vehement verurteilt haben, nicht aber kann gedeihen eine klare, an Jesus Christus und dem christlich fundierten Lehramt orientierte politische Grundhaltung. Wie denn auch, nachdem das Konzil unter dem Einfluß modernistischer Kommissionen haarsträubende politische Greuel geradewegs befohlen hat!

So also sieht in Umrissen die Zurückweisung der konziliaren und nachkonziliaren Politologie »im Namen ]esu Christi« aus. Und ich wiederhole: Schon dieser Komplex genügt, um den entsprechenden Konzilsentscheidungen die christliche Legitimation abzusprechen und folglich den nicht korrumpierten Priestern zu folgen und ihnen mit den Mitteln beizustehen, die man bisher an die Steuern erhebende öffentlich-rechtliche Anstalt zahlte, – und das heißt: aus diesem Steuerverband auszutreten.

Es versteht sich von selbst, daß viele Katholiken durch die Reformen weniger verstört als vielmehr erleichtert wurden. Es wird ja jetzt alles nicht mehr so heiß gegessen, wie es früher einmal gekocht wurde. Die Scheu vor dem Heiligen wird nicht mehr verlangt, der Priester ist der Vorsitzende der Versammlung des Kirchenvolks und der Vorsitzende des Gemeinderats, zum Gedächtnismahl gehört jetzt ganz selbstverständlich das symbolische Brot, das man auf die Hand kriegt nach einer allgemeinen Bußgebärde statt Ohrenbeichte, der Tabernakel ist leer, und statt zusammen mit der Gemeinde zu Gott gewandt, sitzt jetzt der Vorsteher zur Gemeinde gewandt, und es wird viel geplaudert, das ist jetzt eine nette Sache, an der alle harmlos beteiligt sind. Wenn die Leute dann allmählich begreifen, daß da nicht mehr viel dran ist, kommen sie seltener und immer seltener, es ist ja sowieso keine strenge Pflicht, der Rahner hat’s gesagt, ja er hat sogar gesagt, die Sonntagspflicht könne durch eine veränderte Gewohnheit des Volkes legitimerweise aufgehoben werden, na also. Und zuletzt zahlen viele nur noch ihre Kirchensteuer wegen der Hochzeiten und Beerdigungen, aber die Kinder lassen sie nicht mehr taufen, weil es viele Priester gibt, die gegen die Kindertaufe sind. Na und später dann, wird man dann sein Kind taufen lassen, oder genauer: wird sich ein junger Mensch dann taufen lassen? Je nachdem, nicht wahr, – und so verliert sich das alles denn allgemach. Wer trägt die Schuld daran? Die Leute? Daß ich nicht lache. Alle wissen, wessen Schuld es ist.

Und wenn diese Leute dahinterkommen – sie können’s ja überall in religiösen Bestsellern lesen -, daß die Auferstehung Iesu nicht wörtlich zu nehmen ist und nur ein unwiderstehliches Gefühl des Petrus (›die Sache geht weiter“) sicher ist, und wenn sie dahinterkommen, dass laut den Bestseller-Theologen die Gottheit Jesu Christi nicht wörtlich zu nehmen ist und nur eine »Bestätigung« Gottes für diesen Heiligen erfolgte, und wenn sie dann, gar noch dahinterkommen, daß die Theologen diese sehr wunderbare Bestätigung Jesu durch Gott aus nichts anderem entnehmen als aus dem zweitausendjährigen Fortbestehen der Kirche, ja dann braucht man sich nicht zu wundem, daß diese Leute sich sagen: Es ist also egal, ob einer katholisch oder evangelisch oder jüdisch oder islamisch oder buddhistisch oder sonst was ist, es ist alles eins, Gott bestätigt jeden guten Menschen, man kann sich aussuchen, was einem am besten paßt, vielleicht von allem etwas oder überhaupt eine eigene Idee, man braucht nur das zu tun, was einem richtig und jetzt gerade opportun erscheint, und eine bestimmte Kirche muß es nicht sein.

Das geschieht lediglich deshalb (noch) nicht in großem Umfang, weil die Leute die Bestseller nicht so genau lesen oder weil sie zu phlegmatisch sind, um die Konsequenzen aus diesen theologischen Wunderwerken zu ziehen, oder auch, weil sie zu sehr gewöhnt sind ans Parieren, und das ist wieder nichts anders als Phlegma. Aber es spricht sich herum, sogar von den Kanzeln herunter hört man vieles davon, und die Seminaristen von Ecône hörten es sogar aus dem Munde der päpstlichen Visitatoren. Und so entläßt allmählich die neue Kirche ihre Kinder.

Bleibt noch zu bedenken, wie es ist, wenn und nachdem der tridentinische Ritus wieder erlaubt ist, nach freier Wahl, und das heißt, daß alle so weitermachen, wie sie es jetzt gewohnt sind, die Reformierten Pauls VI. und die Unreformierbaren des Tridentinums und des zehnten Pius. Das ist dann der liturgische Pluralismus einschließlich der uralten römischen Messe. Aber wenn schon die Modernisten, die man nach dem letzten Konzil nicht mehr Modernisten nennt, leidenschaftlich dagegen sind, daß neben ihrer Mahlfeier mit „Gabenbereitung und Einsetzungsbericht“ wieder die verpönte nicht-ökumenische Messe mit ihren »Sackgassen nachtridentinischer Opfertheorien« (Lengeling) zugelassen wird, soll dann ich diesem neuen Pluralismus zujubeln? Soll ich etwa alles streichen, was ich an unhaltbaren Glaubensverdünnungen und Glaubensabstrichen in diesem Buch notiert habe? Nein, kein Wort kann gestrichen werden, die schweren Vorwürfe gegen das reformatorische Konzil und die nachkonziliaren »Reformen“ bleiben selbstverständlich bestehen, nicht nur, weil es sich um eine historisch nun eimnal vorhandene Epoche handelt, sondern auch, weil diese Epoche in jedem Fall in einem großen Teil der Pluralismus-Kirche fortgesetzt wird. Die Priester des alten römischen Ritus werden selbstverständlich auf die Kraft des Sakraments vertrauen und die Rückkehr des Kirchenvolkes zur dogmatisch gesicherten Liturgie erwarten. Sie brauchen dann nicht mehr in jeder Predigt gegen die bloße Mahlfeier zu polemisieren.

Aber es ist ja nicht nur der Ritus, der die konziliare, ökumenische Kirche von der katholischen Kirche der zweitausend Jahre unterscheidet, die Unterscheidung erstreckt sich längst auf alle zentralen und auf alle Randgebiete. Der innerkirchliche Kampf wird dann nur umso schärfer, wie ich schon sagte.

Und die strengen Katholiken, die bisher den glaubenstreuen Priestern ihre Gaben spendeten, werden damit fortfahren. Ich sagte schon, in den Ländem, in denen es keine „Kirchensteuer“ gibt (und das sind fast alle Länder der Welt), ist das sowieso selbstverständlich und an keinerlei schriftliche Erklärung gebunden. Aber in Deutschland (und in Österreich und m. W. in einem Teil Ostfrankreichs) muß man per „Kirchenaustritt“ demonstrieren, daß man seine Gaben nicht wahllos, sondern gezielt zur Verfügung stellt. Denn auch in einer pluralistischen Kirche, in der neben dem Missale Pauls VI. auch das Missale Pius‘ V. wieder gebräuchlich wäre, müßten die Anhänger der 2000jährigen, nicht reformierbaren Lehre ihre Gaben gezielt dort einsetzen, wo dieser volle, ungeschmälerte Glaube bekannt und gefördert wird. Sie würden also, obwohl dann unter anderen Riten auch der tridentinische Ritus wieder geduldet würde, nicht wieder in den Steuerverband eintreten. Der Kirche Christi gehören sie auf jeden Fall an, das ist wohl jedem Leser inzwischen klar geworden. (Übrigens müßte die konziliare Kirche, die einen laizistischen Staat wünscht, die staatliche Eintreibung von „Kirchensteuer“ wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Aber – na ja, man weiß schon, hier geht es um Geld, das bekanntlich non olet.)

Rudolf Krämer-Badoni: Revolution in der Kirche. Frankfurt/Main, Berlin, Wien 1982 (Taschenbuchausgabe), S. 293 – 303

JV