Kardinal Woelki, das achte Gebot, die Kirchensteuer und Papst Benedikt XVI. über die Zugehörigkeit zur Kirche Christi

Man ist einfach nur geschockt und zutiefst erschüttert, wenn man auf youtube das video „Das Wort des Bischofs“ sieht. Es wurde gedreht, als längst und eindeutig klar war, daß es jene Vorfälle, die Kardinal Woelki da anprangert, niemals gegeben hat. Entweder hat Seine Eminenz den Kontakt zur Wirklichkeit vollkommen verloren, oder… aber das wagen wir kaum zu denken. Es kann sein, daß der eine oder andere tiefgläubige Katholik an der Haltung so vieler Männer der Kirche (nicht der Kirche selbst, wohlgemerkt!) verzweifelt und über einen „Kirchenaustritt“ nachdenkt.

An dieser Stelle wollen wir nochmals ganz deutlich betonen, daß wir niemandem einen „Kirchenaustritt“ empfehlen oder nahelegen wollen. Der Satz „extra ecclesiam nulla salus – außerhalb der Kirche kein Heil“ gilt. Niemand kann aber gezwungen werden, eine Kirchensteuer zu entrichten, die sein ernsthaft geprüftes Gewissen belastet – er ist andererseits verpflichtet, die Kirche (oder eben ein Werk der Kirche) zu unterstützen. Eine Kirchenaustritts-Erklärung mit dem Ziel der Geldersparnis ist also nicht erlaubt.

Der Heilige Vater Benedikt XVI. hat dem im Jahre 2006 Rechnung getragen. Er approbierte die von uns unten angeführte Mitteilung des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte und ordnete die amtliche Bekanntmachung an alle Präsidenten der Bischofskonferenzen an. Die Bischöfe wissen also um dieses Schreiben.

Im wesentlichen beinhaltet das Schreiben, daß die Zugehörigkeit zur Kirche nicht durch die Kirchensteuerentrichtung definiert wird. Die Nicht-Entrichtung der Kirchensteuer bedeutet keinen Ausschluß aus der Kirche, wenn sie nicht mit einem eindeutigen Abfall vom Glauben einhergeht – was bei einem wirklich gläubigen Katholiken sowieso nie der Fall sein kann. Es muß der erklärte Wille vorliegen, die Kirche zu verlassen; deshalb unser Rat, den Ortsbischof schriftlich zu informieren, daß man eben dies nicht tun will.

Hier nun der vom Heiligen Vater approbierte Text in amtlicher Übersetzung:

PÄPSTLICHER RAT FÜR DIE GESETZESTEXTE

ACTUS FORMALIS DEFECTIONIS
AB ECCLESIA CATHOLICA

Vatikanstadt, 13. März 2006

Prot. N. 10279/2006

Eminenz,

schon seit längerer Zeit haben Bischöfe, Offiziale und andere Fachleute des Kanonischen Rechtes diesem Päpstlichen Rat Zweifel und Anfragen zur Klärung hinsichtlich des sogenannten actus formalis defectionis ab Ecclesia catholica vorgelegt, auf den in den Canones 1086 § 1, 1117 und 1124 des Codex des Kanonischen Rechtes Bezug genommen wird. In der Tat handelt es sich um einen in der kanonischen Gesetzgebung neuen Begriff, der sich unterscheidet von den anderen, eher „virtuellen“ Modalitäten (die auf dem Verhalten basieren) des „offenkundigen“ oder einfach „öffentlichen“ Glaubensabfalls (vgl. c. 171 § 1, 4°; 194 § 1, 2°, 316 § 1, 694 § 1, 1°; 1071 § 1, 4° und § 2), Umstände, in denen die in der katholischen Kirche Getauften oder in sie Aufgenommenen durch rein kirchliche Gesetze verpflichtet sind (vgl. c. 11).

Das Problem wurde von den zuständigen Dikasterien des Heiligen Stuhls sorgfältig untersucht, um vor allem die theologisch-lehrhaften Inhalte dieses actus formalis defectionis ab Ecclesia catholica genau zu fassen, und danach die Erfordernisse oder juridischen Formalitäten zu präzisieren, die notwendig sind, damit dieser sich als ein wirklicher „formaler Akt“ des Abfalls darstellt.

Nachdem hinsichtlich des ersten Aspekts die Entscheidung der Kongregation für die Glaubenslehre vorlag und die gesamte Frage in der Vollversammlung untersucht wurde, teilt dieser Päpstliche Rat den Präsidenten der Bischofskonferenzen Folgendes mit:

1. Der Abfall von der katholischen Kirche muss, damit er sich gültig als wirklicher actus formalis defectionis ab Ecclesia darstellen kann, auch hinsichtlich der in den zitierten Canones vorgesehenen Ausnahmen, konkretisiert werden in:

a) einer inneren Entscheidung, die katholische Kirche zu verlassen;
b) der Ausführung und äußeren Bekundung dieser Entscheidung;
c) der Annahme dieser Entscheidung von seiten der kirchlichen Autorität.

2. Der Inhalt des Willensaktes muss bestehen im Zerbrechen jener Bande der Gemeinschaft – Glaube, Sakramente, pastorale Leitung –, die es den Gläubigen ermöglichen, in der Kirche das Leben der Gnade zu empfangen. Das bedeutet, dass ein derartiger formaler Akt des Abfalls nicht nur rechtlich-administrativen Charakter hat (das Verlassen der Kirche im meldeamtlichen Sinn mit den entsprechenden zivilrechtlichen Konsequenzen), sondern dass er sich als wirkliche Trennung von den konstitutiven Elementen des Lebens der Kirche darstellt: Er setzt also einen Akt der Apostasie, Häresie oder des Schisma voraus.

3. Der rechtlich-administrative Akt des Abfalls von der Kirche kann aus sich nicht einen formalen Akt des Glaubensabfalls in dem vom CIC verstandenen Sinn konstituieren, weil der Wille zum Verbleiben in der Glaubensgemeinschaft bestehen bleiben könnte.

Andererseits konstituieren formelle oder (noch weniger) materielle Häresie, Schisma und Apostasie nicht schon von selbst einen formalen Akt des Abfalls, wenn sie sich nicht im äußeren Bereich konkretisieren und wenn sie nicht der kirchlichen Autorität gegenüber in der gebotenen Weise bekundet werden.

4. Es muss sich demnach um einen rechtlich gültigen Akt handeln, der  von einer kanonisch rechtsfähigen Person gesetzt wird, in Übereinstimmung mit der kanonischen Norm, die ihn regelt (vgl. cc. 124-126). Dieser Akt muss persönlich, bewusst und frei getätigt werden.

5. Es wird überdies verlangt, dass der Akt von dem Betroffenen schriftlich vor der zuständigen kirchlich katholischen Autorität bekundet wird: vor dem Ordinarius oder dem eigenen Pfarrer, dem allein das Urteil darüber zusteht, ob wirklich ein Willensakt des in Nr. 2 beschriebenen Inhalts vorliegt oder nicht.

Daher wird der actus formalis defectionis ab Ecclesia catholica mit den entsprechenden kirchenrechtlichen Sanktionen (vgl. c. 1364 § 1) nur vom Vorhandensein der beiden Elemente konstituiert, nämlich vom theologischen Profil des inneren Aktes und von seiner Bekundung in der festgelegten Weise.

6. In diesen Fällen sorgt dieselbe kirchliche Autorität dafür, dass der Eintrag im Taufbuch (vgl. c. 535 § 2) erfolgt mit dem ausdrücklichen Vermerk „defectio ab Ecclesia catholica actu formali“.

7. In jedem Fall bleibt klar, dass das sakramentale Band der Zugehörigkeit zum Leib Christi, der die Kirche ist, aufgrund des Taufcharakters ein ontologisches Band ist, das fortdauert und wegen des Aktes oder des Tatsache des Abfalls nicht erlischt.

In der Gewissheit, dass der dortige Episkopat in Anbetracht der Heilsdimension der kirchlichen Gemeinschaft die pastorale Motivation dieser Normen gut verstehen wird, verbleibe ich mit in herzliche Verbundenheit

im Herrn Ihr

Julián Kard. Herranz
Präsident

Bruno Bertagna
Sekretär

Fundstelle: hier

JV