Für eine neue Sicht auf das Mittelalter: Madeleines Zeitreise

Das Mittelalter war dem Paradies gewiss nicht näher als wir, aber die
Sehnsucht nach dem Paradies spielte eine ungleich größere Rolle.
Ferdinand Seibt

Geparkt wird auf einem schattigen Platz im Wald, unter den Bäumen, die für die Landschaft typisch sind – es sind Kiefern. Schon die Herfahrt war ein Erlebnis: durch ein Flußtal, links und rechts mal enger, mal weiter gesäumt von bewachsenen Felswänden, mit grünen Wiesen und Bäumen. Wo es sich weitet, haben sich hübsche kleine Orte niedergelassen. Zum Parkplatz sind wir links abgebogen, und nun steigen wir aus dem Wagen und machen uns über den weichen Waldboden auf den schattigen Weg in eine Zeitreise.
Eine kleine Gruppe wartet auf den Beginn der Führung. Der Führer ist ein etwas ungepflegter junger Mann, rundlich, mit langen Haaren. Alle Vorurteile brechen auf – das wird schon was werden! Und es wird. Willkommen, sagt er, und: dass wir nach der Führung das Mittelalter mit anderen Augen sehen würden. Erstaunen unsererseits, die Spannung steigt, und nun ist es an der Zeit, zu sagen, wo wir sind. Nämlich im Südwesten Frankreichs, im Périgord, dem grünen Paradies der Franzosen. Im Tal der Vézère, wo seit Urzeiten Menschen gesiedelt haben in reizvoller Umgebung mit Wald und fruchtbarem Boden, reichlich Wasser und haushohen, waagerechten Felsspalten, in denen man siedeln kann, ohne sich um die Dichtigkeit des Daches Sorgen zu machen. Es gibt größere Siedlungen und kleinere, wir befinden uns
in einer kleineren mit Namen La Madeleine, und so klein wie sie ist, so berühmt ist sie. Davon jedoch später, die Führung beginnt.
Wir folgen unserem Führer. Er gibt uns eine kurze, aber präzise Einführung über die zeitliche Einordnung des Mittelalters, und seine rote Jogging-Hose zum verwaschenen roten amerikanischen Unterhemd stört schon fast gar nicht mehr. Der schmale Weg, der uns zum Dorf im Felsen führt, ist an einer Stelle unterbrochen; über den tiefen Spalt führt so etwas wie ein Holzsteg. Früher, sagt unser Führer, sei da nur ein drehbarer, von einem Seil gehaltener Baumstamm gewesen, auf dem ein Weg aus Brettern befestigt war. Wer zu alt für die Feldarbeit war, saß am Dorfeingang, am Seil, und wenn ein Unerwünschter mit finsteren Absichten ins Dorf wollte, dann löste die Wache das Seil, der Stamm drehte sich um die eigene Achse, und der Störenfried landete in der Vézère, nach einem relativ freien
Fall von etwa 40 Metern.
Damals, so unser Führer, konnten die Leute noch selbst entscheiden, mit wem sie zusammenleben wollten. Wir bekommen ganz große Ohren, Jogging-Hose, amerikanisches Unterhemd und lange Haare sind vergessen. Ob wir die Burg oberhalb des Dorfes, direkt am Parkplatz und am Eingang gesehen hätten, fragt er. Nein; zwar waren uns Ruinenmauern aufgefallen, aber daß das eine Burg war …? Sehen Sie, sagt er, man sieht nur, was man weiß. Nein, auch für den Burgherren sei das Leben nicht leicht gewesen. Es war wohl nicht die harte Arbeit, der tägliche Kampf um die Existenz, aber eine Burg auch nur annähernd zu beheizen, das sei ein rechtes Problem gewesen. Im Winter sei das Kondenswasser die Wände hinuntergelaufen, und hell sei es auch nie geworden, weil man die Fenster mit Holz zunagelte. Mir fällt ein, daß es im Deutschen den Ausdruck „vernagelt“ gibt, und ich nehme mir vor, zu Hause zu prüfen, ob es da einen Zusammenhang gibt. Kampf um die Existenz, sagt unser Führer, und er fragt, ob wir die Löcher im Felsen gesehen haben. Da wir verkörperte Fragezeichen sind, deutet er auf den Felsen am anderen Ufer der Vézère, und tatsächlich ist dort ein Loch, groß genug, um einen Mann aufzunehmen. Im ganzen Tal gebe es solche Löcher, und sie dienten als Ort für die Wachen, Teil eines Alarmsystems. Wenn räuberische Banden (die Wikinger zum Beispiel sind bis hier gekommen) am Eingang des Tales auftauchten, stieß die Wache kräftig ins Horn, die nächste Wache taleinwärts tat desgleichen, und so war innerhalb von 10 Minuten das gesamte Tal alarmiert, die Burgherren ritten gerüstet dem Feind entgegen und schützten das Tal. Das war schließlich eine ihrer Aufgaben. Ihrer vielen Aufgaben in einer Gesellschaft der Beter, der Kämpfer und der Bauern.
Zwischen Felsboden und Felsdecke ist zum Tal hin eine Steinwand hochgezogen, durch eine Türöffnung betreten wir einen fensterlosen, relativ großen Raum mit einer abzuglosen Feuerstelle. Ja, ohne Abzug, sagt der Führer, und das sei ein kleiner Teil des sparsamen Umgangs mit allem gewesen. Das sei typisch für das Mittelalter, der ganz bewußte und sparsame, schonende Umgang mit der Natur. Ein Kamin lasse zu viel Wärme entweichen und (wir kommen aus dem Staunen nicht heraus) verhindere Rauchbildung im Raum. Unser Führer ist amüsiert über unsere fragenden Gesichter und erklärt, daß die Hausfrau immer darauf achtete, ein wenig Rauch im Raum zu haben: gegen das Ungeziefer! Der hintere Teil des Raumes ist so etwas wie ein erhöhtes Podest, darauf schlief die (zahlreiche) Familie. Im vorderen Teil schlief das Vieh. Und ob wir die Löcher in der Decke gesehen hätten? Jetzt wissen wir, daß es sie gibt, und so sehen wir sie auch. Es sind seltsame Löcher eng nebeneinander in die Felsdecke gebohrt, so, daß ein Steg bleibt, und niemand hat eine Vorstellung, was dort aufgehängt worden sein könnte. Als er es uns erklärt, ist es ganz einsichtig: Wer arbeiten konnte, mußte auch arbeiten, und zwar auf dem Feld. So ganz beiläufig die Information, daß pro Person die Fläche von sechs Tennisplätzen bebaut werden mußte, um über den Winter zu kommen, daß die Erträge nicht so reichlich waren wie heute und daß niemand jemals sicher sein konnte, immer genug Nahrung zu haben. Hunger war normal, und so wurde ganz, ganz vorsichtig mit Nahrungsmitteln umgegangen. Bei der Apfelernte zum Beispiel verwendete man eine spitz zulaufende Leiter, die man in den Baum schieben konnte, ohne zu riskieren, daß Äpfel herabfielen und dann nicht mehr zum Einlagern brauchbar waren. Es konnte ja sein, das es gerade dieser Apfel war, der im Frühjahr vor dem Verhungern bewahrte! Und der Steg in der Decke? Ach ja, sagte er. Der Steg. Nun, wenn alle außer Haus, auf dem Feld arbeiteten, waren die Säuglinge allein. Auf dem Boden lebte das Vieh, zum Beispiel die Schweine, und die lehnten ein kleines Menschenkind als Nahrungsergänzung nicht ab, könnten es auch zerdrückt haben. Da legte man das Kind also gut gewickelt ins Körbchen, so konnte es sich nicht bewegen, und hing es unter die Decke – so konnte es nicht herabfallen.
Wir verlassen das Haus. Drinnen ist es durch die Felsen etwas kühler gewesen als draußen. In die Kapelle gelangen wir, indem wir unter dem Durchgang, der unter ihr zum anderen Teil des Dorfes führt, links eine Treppe hinaufsteigen. Es ist nur eine kleine Kapelle, ihr Schmuck sind die steinernen Wände. Kleine, einfache Spitzbogenfenster und ein einfaches Kreuzgewölbe. Und doch, sagt unser Führer, sei es für die damalig Zeit ein Luxus gewesen. Im Vergleich zum für so viele Personen und das Vieh engen Wohnraum sei die Kapelle riesig, und wenn an hohen Feiertagen der Weihrauch, durch das Licht angestrahlt, leuchtend nach oben stieg, dann war das für unsere Dorfbewohner ein Erlebnis. Denn damals sei man durchweg gläubig gewesen, und ein Ungläubiger wäre wie ein Verrückter angeschaut worden.
Der Altar, auch recht klein, steht direkt an der Wand, unter einem der Fenster. Priester und Volk, erklärt unser Führer, beteten gemeinsam in eine Richtung, zu Gott hin, und so wurde auch die Messe gelesen: Alle schauen in eine Richtung, auf Gott.
Und über alle Grenzen von Raum und Zeit hinweg grüßen alle meine Vorfahren, ich spüre es deutlich: alle meine Vorfahren, die dieselbe Messe wie ich gehört haben, und über alle Grenzen von Raum und Zeit hinweg grüße ich sie zurück und bitte an diesem durch die Messe geheiligten Ort um ihre Fürsprache. Und ich danke Gott für den großen, heiligen Mann, der uns die Messe erhalten hat.
Wir verlassen die Kapelle. Die Stufen hinunter, links ab, aus dem schattigen Durchgang heraus in – ja, wie soll man es sagen? – in oder auf einen felsüberdachten Platz, an einigen anderen Felsenhäusern vorbei, deren bescheidene Ausstattung wir uns nun vorstellen können. Wir scharen uns um unseren Führer. Hier, auf dem Marktplatz, sei der Mittelpunkt des Dorflebens gewesen. Wir sollen uns das so vorstellen: bescheidene Angebote, relativ geringer Handel und Handel fast ganz ohne Geld, meistens Tausch. Und genauso wichtig wie der Austausch von Gütern sei der Austausch von Informationen gewesen. Da war ein Pilger auf dem Weg nach oder auf dem Weg von Santiago de Compostella oder Rocamadour, der den neugierigen und wissensdurstigen Dorfbewohnern von den Ländern und Landschaften erzählte, von den Leuten, die er getroffen hatte, von ihren Eigenarten und Sitten. „He, sag‘ mal, wie sagen die in Spanien denn zu Brot?“, fragt einer der Wissens-durstigen. „Pan“, sagt der Weitgereiste und erntet ein Riesengelächter unserer amüsierten Dörfler. Wie kann man denn nur zu Brot „pan“ sagen? Unmöglich. Und von den großen Kirchen erzählt er, von Kirchen, in die Tausende von Leuten hineinpassen, von dem riesigen Weihrauchfass, das im Gewölbe der Kathedrale von Santiago hängt und von kräftigen Männern mit Seilen geschwenkt wird, von einer Seite des Schiffes zur anderen schwingt. Offene Münder, die dazugehörigen Gehirne denken an die kleine Dorfkapelle, und einer erzählt, er habe von einem anderen Pilger gehört, in Köln werde nun eine große, große Kathedrale gebaut, von der ein Fenster allein größer als die Dorfkapelle sein soll.
Die Menschen des Mittelalters seien, so unser Führer, mit Sicherheit nicht uninformierter als wir heute gewesen. Umherziehende Händler, Pilger, Reisende brachten die Neuigkeiten, wenn auch nicht tagesfrisch, so doch in fast jeden etwas größeren Winkel, und wenn Phantasie und Lust am Erzählen manchmal kleinere und größere Veränderungen verursachten, so sei das auch nicht schlimmer als die heutige, unüberschaubare Flut von unverdaulichen Informationen aller Art, die auch nicht immer frei von Phantasie und Lust am Erzählen seien. Und auch nicht frei von anderem. Das hat er, so finden wir, sehr nett ausgedrückt.
Überhaupt, sagt er, glauben Sie doch nicht, daß man damals nicht die wichtigsten Dinge mitbekommen hätte: Alles, was Ihnen heute im Fernsehen nur vorgespielt wird, erlebten die Leute hier noch live. Da gab es katastrophale Krankheiten, menschliche Katastrophen, schwierige Ehen, aber auch großes Glück, Geburt und Tod und die ganze Fülle dessen, was dazwischenliegt. Es gab Überfälle, Glücksfälle … aber eben selbst erlebt und nicht aus der Konserve. Langweilig war es nicht, und vom Leben angeödet war wohl niemand, höchstens des Lebens satt und müde. Man starb damals anders als heute. Stellen Sie sich vor, Sie gehen hier durch das kleine Dorf, kommen an einem der Häuser vorbei, und da kann es passieren, daß man Sie am Ärmel zupft und bittet, ins Haus zu kommen, mitzubeten: Der Vater, die Mutter liege im Sterben. Sie als Fremder betreten selbstverständlich das Haus und beten mit, sind beim völlig selbstverständlichen Tod dieses Menschen dabei. Es ist berichtet, daß man damals ruhig starb, wenn man eines natürlichen Todes (soll heißen ohne schmerzende Krankheit) starb.
Zu Beginn der Führung hatte er gesagt, wir sollten das Mittelalter mit anderen Augen zu sehen lernen. Er hatte recht und sollte recht behalten. Drehen Sie sich nun um, sagte er und deutete auf so etwas wie ein Becken im Felsen hinter uns. Wissen Sie, sagte er, das Wesentliche ist das Wasser. Und wenn ein Sommer hier so richtig heiß und trocken ist,
dann kann es geschehen, dass sogar die Vézère trockenfällt, und dann ist Not am Mann: Ohne Wasser kein Leben für Mensch und Vieh! Wir drehen heute den Kran auf, die Talsperren sind voll, und uns kann nichts passieren, denken wir. Denken wir. Dass die Menschen damals viel direkter abhängig waren von Natur und Umwelt, das haben wir schon gesehen. Aber nun stellen Sie sich ein mittelalterliches Dorf vor, ohne Wasser! Den Tod vor Augen! Was, meinen Sie, macht da ein mittelalterlicher Mensch? Schüchtern schlagen wir „beten?“ vor, und er nickt. Ja, sagt er. Sie haben gebetet, und wie. Stundenlange Litaneien. Opfer versprochen, Opfer gebracht. Eines Morgens dann kamen die ersten zu diesem relativ großen Becken, und siehe da: Ihre Gebete waren erhört worden. Das Becken war voll von klarem Wasser. Es gab zu trinken, und in der nächsten Nacht wiederholte sich allen Ernstes das Wunder. Ein Wunder, das war es wohl. Die Leute fielen auf die Knie, um Gott zu danken, der sie so offensichtlich vor dem sicheren Tod bewahrt hatte und dieses bei größter Trockenheit immer wieder tat. Das sprach sich herum, und aus der ganzen Umgebung kamen Menschen, Männer, Frauen, Kinder, die das Wunder sehen wollten, mitbeten und danken wollten. Na ja, und ein wenig blieb auch hängen: Wo Gäste sind, da ist auch Austausch, wo Austausch ist, ist auch Gewinn, und so ging es unserem Dorf eigentlich ganz gut, dank der Gnade Gottes.
Heute, ja: Heute wissen wir, daß das erklärbar ist. Der poröse Stein dehnt sich bei Erwärmung aus, und in die Poren nimmt er Wasser auf. Wenn er sich dann in der Kühle der Nacht wieder zusammenzieht, dann drückt er das Wasser wieder heraus, und es sammelt sich in diesem Becken. Sehen Sie, kein Wunder. Physikalisch erklärbar. Aber, wenn Sie es recht überlegen, dann ist es ja eigentlich doch ein Wunder. Nun sind wir am Ende unserer Führung angekommen. Ich hätte Ihnen gerne noch so viel mehr über diese faszinierende Zeit erzählt, die wir so schnöde das „Mittelalter“ nennen, aber das sprengt die Führung. Wenn Sie gesehen haben, wie anders, wie näher am Leben und an der Natur unsere Vorfahren gelebt haben, wie einfach und doch ziemlich zufrieden mit dem, was sie hatten, zufrieden (denn man kann ja nicht vermissen, was man nicht kennt), wie selbstverständlich und wie demütig – na ja, wie ganz anders als wir eben … und, sicher will man durchaus auf den heutigen Komfort und die Medizin nicht verzichten, aber vielleicht gibt es da noch mehr … jetzt habe ich mich verhaspelt. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, und bedenken Sie bitte, daß die einzigen Einkünfte Ihres Führers das Trinkgeld sind, das Sie ihm netterweise zukommen lassen.

Sagen Sie, frage ich ihn, sie sind doch vom Fach?
Ja, er habe die Licence in Geschichte.
Und, frage ich, keine Anstellung?
Nein, sagt er, die Situation ist schlecht, für Historiker sowieso, und besonders für jemanden mit meinen Ansichten. Was bleibt uns?
Ich wünsche ihm von Herzen Glück und das Bewußtsein, mit dieser Art von Führung eine ganz, ganz wichtige Aufgabe zu haben.
Danke, sagt er.
Wir geben uns die Hand, ich denke, irgendwie ist doch nicht alles ganz verloren, wenn es noch junge Kollegen dieser Art gibt.
Wir drehen uns um und gehen, auf einmal muss ich an seine rote Jogging-Hose und das rote amerikanische Unterhemd denken, und sie stören mich überhaupt nicht mehr.
Übrigens, wegen „davon jedoch später“: Nach diesem kleinen Dorf ist eine ganze jungsteinzeitliche Periode benannt: das Magdalénien, früher „Rentierzeit“ genannt; es dauerte in etwa von 15 000 bis 9000 vor Christus, und ein kleines Kinderskelett aus jener Zeit, welches man dort gefunden hat, ist im dortigen Museum zu sehen. Typisch sind die berühmten Höhlenmalereien, Knochenschnitzereien, Werkzeuge aus Knochen. Unser Dorf, La Madeleine, hatte eine enorm günstige Lage. Darum war es von den ältesten Zeiten noch bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts besiedelt, genau bis 1924, und erst die Eisenbahn, der Straßenbau und die Demokratisierung des Explosionsmotors beendeten das Leben im Dorf. Taten sie das wirklich?

JV