Gastbeitrag: Walter Hoeres, Katholik

von Michael Rieger

Der am 14. Januar 2016 verstorbene Walter Hoeres war einer der profiliertesten, weil kompetentesten Repräsentanten des traditionalistischen Katholizismus im deutschsprachigen Raum. Seine Beiträge in den entsprechenden Publikationen ‒ in Theologisches, in der Kirchlichen Umschau, der Una Voce Korrespondenz oder Civitas ‒ zählten stets zum Besten, um den Verfall der Tradition und des kirchlichen Lebens zu analysieren und zu kommentieren. Kurz vor seinem Tod sprach Hoeres von den »düsteren, ja man möchte fast sagen dämonischen Zügen unserer Zeit«, und obwohl der »Abschied von Gottes heiliger Majestät« längst vollzogen sei, hoffte Hoeres doch, »daß allen in der heiligen Kirche wieder die Gabe der Ehrfurcht« zu Teil werde, um Gottes »Gebote gegenüber dieser gottverlassenen Welt mutig und ohne falsche Zugeständnisse zu verteidigen«.

Die biographischen Stationen sind schnell referiert. Hoeres war gerade einmal 23 Jahre alt, als er 1951 in Frankfurt am Main bei niemand anderem als Theodor W. Adorno über »Rationalität und Gegebenheit in Husserls Phänomenologie« promoviert wurde. Doch während er Frankfurt zeitlebens treu blieb, verband ihn schon sehr bald immer weniger mit Adorno: Fünf Jahrzehnte später widmete Hoeres seinem einstigen Doktorvater ein respektvolles Kapitel in dem Buch Heimatlose Vernunft – Denker der Neuzeit im Ringen um Gott und die Welt (2005), das erwartungsgemäß kritisch auslautet und Adorno vor allem dessen »Verbeugung vor dem Materialismus« ankreidet. Seit 1963 verheiratet, war Hoeres Vater von drei Kindern. Nach in Salzburg erfolgter Habilitation lehrte er 32 Jahre lang, zwischen 1961 und seiner Emeritierung 1993, als Professor für Philosophie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Die Scholastik insgesamt, Duns Scotus und vor allem Thomas von Aquin bildeten das Zentrum seines Denkens, hier fand Hoeres gültige Anknüpfungspunkte für die eigene Zeit, und zwar mit weitestreichender Bedeutung. Denn indem die thomistische Philosophie nicht zuletzt »einen einzigen gigantischen Kommentar zu Plato und Aristoteles unter christlichen Vorzeichen« darstellt, wird »jene tiefe Entsprechungsbeziehung« zwischen den beiden griechischen Philosophen und dem Christentum sichtbar, die nichts weniger als »die Einheit der abendländischen Weltanschauung begründet hat«, weshalb die Kirche die Lehre des Heiligen Thomas gewiß nicht zufällig »immer wieder als verbindlich« vorgeschrieben hat. Am ehesten wird man Walter Hoeres daher mit einem anderen Philosophen assoziieren dürfen, der ebenfalls in der Spur des Thomas von Aquin weitergegangen ist, mit Josef Pieper (1904–1997).

Die äußerlich unspektakuläre Professoren-Vita war aber vor und auch nach der Emeritierung durch geistige Kämpfe geprägt, wovon zahlreiche Aufsätze, Rundfunksendungen, Vorträge und mehr als 20 Bücher zeugen. Dabei war es das Jahr 1969, das Hoeres über die akademische Philosophie und die zeitkritische Publizistik hinaustrieb. Das Zweite Vatikanische Konzil war 1965 zu Ende gegangen, die katholische Welt war in die Phase der »nachkonziliaren Krise« voller Verwirrung und Konflikte eingetreten, wobei die Liturgiereform und der »Kahlschlag der Kirchen« nur die Spitze des Eisbergs bildeten. 1969 gründeten Hoeres, sein Freund Pfarrer Hans Milch (1924–1987) und der Oberstudienrat Fritz Feuling daher die Bewegung für Kirche und Papst, die als Moment des »Widerstands gegen die innerkirchliche Selbstzerstörung nach dem Konzil« keineswegs allein auf weiter Flur stand: 1969 rief Erzbischof Marcel Lefebvre die Priesterbruderschaft St. Pius X. ins Leben, zuvor hatte sich schon die Una Voce-Föderation gegründet, womit stellvertretend nur zwei weitere Organisationen dieser Jahre mit jeweils eigenen, doch verwandten konservativen Ansätzen genannt wären. So wundert es nicht, daß Walter Hoeres mit der Pius-Bruderschaft sympathisierte und auch an ihrem Zaitzkofener Priesterseminar Philosophie lehrte – aber nur bis 1988, denn in diesem Jahr, die Geschichte ist bekannt, weihte Marcel Lefebvre gegen die Weisung des Papstes vier Bischöfe, was schließlich Lefebvres Exkommunikation nach sich zog. Bei aller Sympathie folgte Walter Hoeres diesem Pfad nicht, so wenig, wie jene Pius-Brüder, die das Handeln Lefebvres verurteilten und sich noch im selben Jahr von der Pius-Bruderschaft abspalteten, um ihre eigene Bruderschaft, die papsttreue Priesterbruderschaft Sankt Petrus, zu gründen. Hier konnte Walter Hoeres sehr wohl mitgehen und lehrte entsprechend bis 2014 am Priesterseminar der Petrus-Brüder in Wigratzbad. Bei allen Differenzen verband ihn doch weiter das gemeinsame Anliegen auch mit der Pius-Bruderschaft, und es ist kein Zufall, daß Walter Hoeres von Pater Franz Schmidberger beerdigt wurde, dem Leiter des Priesterseminars der Pius-Brüder.

Öffentliches Engagement und solide philosophische Arbeit gingen Hand in Hand. Als Walter Hoeres den »Aufstand gegen die Ewigkeit Gottes« und die Abkehr von den traditionellen Formen der Kirche dechiffrierte, war ihm klar, daß diese Krise nicht »aus purem Mutwillen provoziert« wurde, sondern einem Weltbild folgte, das »sich radikal von der altvertrauten christlich-abendländischen Weltanschauung« unterschied. Die philosophische Kritik war also notwendiger Ausdruck, um den Zeitgeist entschleiern zu können. In diesem Sinn betonte Hoeres, wie sehr der konservative platonisch-christliche Blick auf die Welt »den Schwerpunkt auf das bleibende Wesen der Dinge und die bleibende, unvergängliche Wahrheit« lege – während der Zeitgeist den Platonismus beiseite geschoben habe und einen »ruhelos hektischen Umgang« mit den Dingen und den Menschen pflegte, dem permanente Veränderung und Fortschritt einfach alles seien. Dabei amüsierte es Hoeres durchaus, wie jene »Progressisten« dem Fortschritt hinterherhechelten, der bei ihren eigenen Säulenheiligen, unter denen Adorno einen prominenten Platz einnahm, längst ad absurdum geführt worden war.

Walter Hoeres hat – neben zahlreichen, von der von Hans Milch begründeten actio spes unica zugänglich gemachten Vorträgen – mehrere bedeutende Bücher verfaßt, von denen die Heimatlose Vernunft bereits erwähnt wurde. Wer immer sich mit Thomas von Aquin beschäftigt, wird früher oder später auf Wesenseinsicht und Transzendentalphilosophie. Thomas von Aquin zwischen Rahner und Kant (2001) und auf Die Sehnsucht nach der Anschauung Gottes. Thomas von Aquin und Duns Scotus im Gespräch über Natur und Gnade (2015) stoßen. Mit dem für ihn eher ungewöhnlichen Titel Der Weg der Anschauung. Landschaft zwischen Ästhetik und Metaphysik (2004) reihte sich Hoeres 2004 in die Autorenriege der Grauen Edition ein; hier steht sein Werk würdig neben Gerd-Klaus Kaltenbrunners Dionysius vom Areopag oder Gerhard Wehrs Theo-Sophia. Dieser Weg der Anschauung ist vor allem eine Studie über den »Anschauungs- und Hinnahmecharakter aller Erkenntnis« und eine Auseinandersetzung mit Heidegger, die in diesem Rahmen nicht skizziert werden kann. Gegen Heideggers Ansatz einer Überwindung der Metaphysik hält Hoeres, wie nicht anders zu erwarten war, daran fest, »daß die Metaphysik nicht erlöschen kann. Denn selbst der konsequenteste Agnostiker, Positivist oder Skeptiker entdeckt immer wieder das Geheimnis der Wirklichkeit und das in einer anschaulichen und in ihrer Art evidenten Erfahrung.«

Als letztes, erst einige Monate nach seinem Tod erschienenes Buch verdient Die verratene Gerechtigkeit. Nach dem Abschied von Gottes heiliger Majestät besondere Aufmerksamkeit: als systematische Zusammenführung zentraler Themen, die in zahlreichen Aufsätzen schon angeklungen waren.

Fünfzig Jahre nach dem Konzil zieht Hoeres Bilanz. Und sie fällt niederschmetternd aus. Die Kirche hat vor der Welt und ihrem Relativismus kapituliert. Von dem Bild des gerechten, also gleichermaßen barmherzigen wie strafenden Gottes ist nur noch eine Karikatur übriggeblieben, der liebe Opa, der alles versteht und verzeiht und somit auch alles gut heißt, was immer die Menschen treiben. »Sünde« und »Buße« treten so gar nicht mehr in den Horizont der Wahrnehmung, weshalb auch das Sakrament der Beichte als »verloren« gelten muß. Viele Bischöfe reden den Absurditäten des Zeitgeistes das Wort, während sich so mancher Theologe abmüht, die Tradition zu zerlegen. So zitiert Hoeres etwa den Titel eines Aufsatzes des Wiener Bibelwissenschaftlers Jacob Kremer, Was Jesus eigentlich wollte und heute will, und reagiert dann durchaus ironisch amüsiert: »Als seien wir nach zweitausend Jahren nun endlich so weit, mit Hilfe des Arsenals moderner philologischer Methodik zu ermessen, was Jesus eigentlich wollte!«

Vor allem, so Hoeres, wurden Schrift und Tradition relativiert zugunsten einer neuen, sehr fragwürdigen Instanz, die nun den Maßstab dafür abgibt, was richtig und was falsch ist: die gesellschaftliche Realität. Aber diese Realität will weder etwas wissen von den Aposteln noch von den Kirchenvätern, sie hat sich »radikal von den Wahrheiten der göttlichen Offenbarung entfernt« und erntet »heute erst die ganzen bitteren Früchte der Aufklärung des 18. Jahrhunderts«. Sich dieser Welt anzubiedern, muß auch weiterhin zur Selbstzerstörung führen. Daher erinnert Hoeres im letzten Kapitel seines Buchs an das »Juwel der abendländischen Philosophie«, an das Naturrecht. Während Antike und Mittelalter »mit großer Selbstverständlichkeit an der Existenz eines solchen Naturrechtes als letzter Norm allen gesetzten, positiven Rechtes« festhielten, wird es in der Moderne als antiquiert verworfen und auch in der Kirche zunehmend ad acta gelegt. Doch gerade hier sieht Hoeres jene ordnungsstiftende Kraft, die heute so dringend fehlt. »Denn wenn es der Gerechtigkeit ganz allgemein darum geht, daß allen Wesen das zukommt, was ihnen gebührt und sie so durch Gott das Prinzip und der Urquell aller Ordnung ist, dann ist das Naturrecht der genaue Ausdruck dieses Prinzips und insofern der einfache Widerschein der göttlichen Gerechtigkeit.«

 

 

 

Zuerst veröffentlicht in: Sezession 73, August 2016, S. 30-31. Auch in: Michael Rieger: »Wir gehen durch die Gegenwart wie durch eine Wüste«. Auf den Spuren der Tradition in Philosophie und Literatur. Skizzen und Porträts. Rückersdorf, Lepanto 2018, S. 55-61.