Nie aus der Pubertät herausgekommen

Nein. Es waren schreckliche Zeiten. Für uns. Für unsere Eltern. Für unsere Lehrer (Realschul- und Gymnasiallehrer sind in Wirklichkeit Helden, zumindest in dieser Beziehung). Die letzten beiden Gruppen konnten stirnabwischend hoffen, daß es irgendwann damit vorbei sein würde, und der eine oder andere mag – so wie wir heute – daran gedacht haben, wie schlimm diese Zeit doch für ihn selbst gewesen war. Diese Zeit: die Pubertät. Und heute stehen wir vor einem Phänomen, an das wohl niemand von uns nach erfolgter Überwindung dieser „Menschwerdungsphase“ gedacht haben wird.

Denken wir zunächst ein wenig zurück, und erinnern wir uns an so manches, das wir heute kaum noch verstehen und das wir auch gar nicht hinterfragen müssen.

Da war jener etwas kleinere Klassenkamerad, der auf einer der Partys unbedingt die Weltkriegsauszeichnungen irgendeines gefallenen Soldaten tragen wollte. Warum? Hätten wir gefragt – es hätte keine Antwort gegeben, eben weil es keine gab. Die Heutigen würden höchstwahrscheinlich sagen, das sei eben „cool“. Was auch keine Antwort ist.

Überhaupt: die Kleidung. Man mußte sich unbedingt von der spießigen, bürgerlichen Kleidung freimachen (naja, nicht wörtlich). Und deshalb kamen die Jeans auf, damals meistens noch „Texashosen“ genannt. Später wurden die dann zerwaschen und aufgeschlitzt, so daß man im uniformierten Jugend-Kleidungsbrei doch noch etwas individuelles hatte.

Individualität durfte aber nicht zu weit getrieben werden, beileibe nicht! Die Gruppe, die Clique, das zählte. Mehr als die Familie, und das war nur natürlich in dieser Zeit des Ablösens, der Suche nach neuen Strukturen, der (wie es dann später in den dumpfen 70ern hieß) „Identitätsfindungskrise“. So ein Wort können wirklich nur Pädagogen und Soziologen erfinden.

Und natürlich die Provokation. Mut bedeutete, nicht nur eine Freundin zu haben, sondern auch verbotenerweise händchenhaltend mit ihr in der großen Pause auf dem Schulhof Aufsehen und seitens der anderen Schüler eine größere Portion Achtung zu erregen. Und dann die Sanktionen der repressiven Lehrerschaft in der Schülerzeitung zu geißeln, was die Achtungsportion ganz erheblich vergrößerte.

Natürlich waren alle Lehrer doof und unfähig. Bis auf einige, ganz, ganz wenige, hochkompetente. (Achtundsechziger gab es zu unseren Zeiten noch nicht, die wurden gerade an den Universitäten verdorben). Die Pubertät verleiht der Urteilskraft nämlich ungeahnte Flügel und Höhen: man kann über alles urteilen, und das sogar völlig ohne Fakten, Hintergrund und Kriterien. Daß wir keinerlei Ahnung hatten, störte uns am wenigsten, wenn wir gemeinsam in der Clique über die Lehrer, den Pfarrer, den Direktor herzogen und uns immer mehr steigern konnten. Im Normalfall wäre das justitiabel gewesen. Es war aber nicht der Normalfall, jedenfalls damals noch nicht, und zwar weil wir nicht normal waren und vor der Stirn ein Schild hätten tragen müssen mit der Aufschrift: „Vorsicht! Baustelle!“

Jeder wird so seine eigenen Erinnerungen haben, wenn er mal ein wenig nachgräbt.

Womit wir beim zweiten Teil des Themas wären. Die meisten von uns haben es irgendwie geschafft, mehr oder minder schadlos aus dieser schrecklichen Phase herauszukommen. Einige eher weniger, aber um die geht es hier nur in geringem Maß.

Und jetzt schauen wir uns in der Welt um, wie sie heute ist. Mit dem Blick dessen, der gelernt hat, zunächst einmal auf die Fakten und Tatsachen zu schauen und dann weiterzusehen. Ja, was sehen wir denn da?

Um sich von der Masse abzuheben, färben Leute sich die Haare in allen denkbaren, möglichst grellen Farbtönen. Vor allem manche alte Frauen schaffen es einfach nicht, sich in Würde zur Schönheit ihres Alters zu bekennen, und färben sich knalldunkelrot. Oder lassen sich die Haare streichholzkurz schneiden, weil es so ja praktischer ist. Sie laufen in Kleidern herum, die man früher bestenfalls zu Hause im stillen Kämmerlein getragen hätte. Wer wäre denn früher im Unterhemd auf die Straße gegangen und hätte ein Sakko darüber getragen (auch wenn man das Unterhemd heute „Tieschört“ nennt)? Es gibt da eine nette Szene in einem ansonsten belanglosen Spielfilm, in der ein Griesgram zwei Tienies fragt, was sie denn pro Stunde kosten, worauf eine empört sagt: „Wir sind doch keine Nutten!“ – „Und warum kleidet ihr euch dann so?“ fragt der Griesgram zurück.

Heute tragen sogar Priester und höhere Geistlichkeit Gewänder, die nur wenig angemessen sind. Das haben wir wieder sehr diplomatisch ausgedrückt, und an was sie uns erinnern könnten, sagen wir aus Respekt vor dem Amt hier nicht. Der verehrte Benedikt XVI. hatte versucht, wieder an einen angemessenen Stil zu erinnern…

Das mit der Gruppe bzw. „Clique“ ist anscheinend für Leute fortgeschritteneren Alters nicht mehr so wichtig. Und doch herrscht ein ungeheurer Gruppenzwang. Was glauben Sie, wie schnell man ausgegrenzt ist, wenn man sich dem Druck nicht beugt! Versuchen Sie mal (nicht nur in Köln), mit dem Abzeichen einer bestimmten, demokratischen und grundgesetzkonformen Partei am Revers ein Bier zu kriegen oder auch nur längere Zeit heile eine Straße entlang zu gehen. Also: Gruppe als solche gibt es weniger, jedenfalls unter denen, die schon länger hier leben. Der Gruppenzwang jedoch, der ist noch sehr lebendig.

Mut? Ja: Mut! Da ziehen tapfere Leute mit roten Plastikwesten, Mützen und Trillerpfeifen durch die Städte, da zeigen andere, staatlich geförderte Gruppen Gesicht, Flagge und was dergleichen mehr ist. Und einige von denen sind sowieso „anti“ und zeigen so manchem besorgten Bürger auch ganz gerne einmal, was eine Harke ist.

Respekt und Achtung? Nun ist es in einer Demokratie ja so, daß jeder seine Meinung haben darf, und die muß er noch nicht einmal begründen. Das ist im Prinzip ja auch gut und richtig. Es kommt nur darauf an, wie die Meinung zustande kommt, und das geschieht heute ja meistens per Staatsfernsehen und Linkspresse im SPD-Besitz. Das Vertrauen in diese Institutionen ist nach wie vor unbegrenzt, jedenfalls in bestimmten Kreisen des Westens. Und so kommt es, daß es reicht, wenn „Omas gegen rechts“ blockflötespielend durch Innenstädte ziehen (man beachte die Berichterstattung darüber in den letzten Tagen). Das ist Meinungsbildung genug, und ehemalige Stenotypistinnen – gibt es das noch, als Beruf, meine ich? – widersprechen Professoren mit dem Argument ihrer Lebenserfahrung. Da hat die Urteilskraft wieder Flügel und ungeahnte Höhen!

Was soll man dazu sagen, daß unsere Pubertät damals (wie es bei Jungens naturgemäß so ist) recht schwül war – daß aber so manche selbsternannte „katholische Laienvertretung“ heute trotz ihres Greisenalters nicht über eine Theologie der Unterhose hinauskommt?

Jeder hat ein Recht auf Genuß, auf Rausch. Jeder hat ein Recht auf Vollversorgung, auch ohne Arbeitsleistung, es ist egal, ob man das nun Hartz 4 oder bedingungsloses Grundeinkommen nennt. Wenn das keine pubertären Träume sind! Jeder kann studieren, und wenn er auf dem Gymnasium scheitert oder im Studium, dann liegt es sicher nicht an ihm, sondern an dem Lehrer, an dem Professor, der ihn nicht mag. Oder an dem ungerechten Schulsystem. Kritik, der Hinweis auf Fehlleistung wird nicht als Hilfestellung begriffen, sondern als persönliche Beleidigung.

Nein. Wir haben damals nicht geheult, wenn mal wieder eine Mathearbeit völlig daneben war. Und wenn wir nicht aufholen konnten oder wollten, dann mußten wir das eben doppelt und dreifach anderswo kompensieren. Es blieb aber unsere Schuld und unsere Pflicht.

So. Und wer wundert sich jetzt, daß diese Gesellschaft uns wie im Zustand der Dauerpubertät vorkommt? Daß wir den aktuell herrschenden (Krypto-) Sozialismus als eine Erscheinungsform eben dieser schon seit sehr langer, zu langer Zeit andauernden pubertätsähnlichen Degeneration halten? Daß wir es nicht schaffen, Leute in lächerlichen Kleidern, mit höchst seltsamen Frisuren und andere wiederum in unangemessenen Gewändern beim Vollzug heiliger Handlungen  wirklich ernst zu nehmen?

Bevor diese Gesellschaft nicht erwachsen wird, ist da nichts mit anzufangen. Und wir fürchten stark, daß der Prozeß des Erwachsenwerdens für diese Gesellschaft arg schmerzhaft werden wird. Ja: schreckliche Zeiten!

JV