Katholischer Medienpreis: Laudatio für lügenden Journalisten Claas Relotius

Es rauscht im Internet: Jahrelang hat ein gewisser Claas Relotius vor allem beim Spiegel, aber auch bei anderen Presseerzeugnissen über Ereignisse, Umstände, Personen berichtet, die einzig und allein seiner Phantasie entsprungen sind. Und da er das sehr gut tat, wurde er auch mehrfach preisgekrönt; so erhielt er im vergangenen Jahr den Katholischen Medienpreis.

Wir haben uns auf die Suche nach der damals gehaltenen Laudatio gemacht und sind hier fündig geworden: es lohnt sich, sie zu lesen. Für den Fall, daß sie aus irgendwelchen Gründen verschwindet, haben wir sie gesichert und geben sie an dieser Stelle wieder. Unkommentiert, weil das alles für sich selber spricht.

Laudatio
von Patricia Riekel, ehemalige Chefredakteurin Bunte,
für Claas Relotius
anlässlich der Verleihung des Katholischen Medienpreises 2017
am 16. Oktober 2017 in Bonn
Aufnahme-Stopp. Obergrenze. Bleiberecht. Abschiebe-Verfahren. Grenzkontrollen. Rücknahme-Vereinbarungen. Aussetzung des Familiennachzugs. Integrations-Maßnahmen. Sichere Herkunftsländer. Drittstaatsangehörige. Asylanten. Migranten. Geduldete.
Guten Abend, meine Damen und Herren,
das sind Wortungetüme, mit denen die Politik in der Flüchtlingsfrage jongliert – und die uns fast vergessen lassen, von was hier die Rede ist: Von rund 60 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind. Vor Krieg, vor Armut, vor religiösen Fanatikern, vor einer Zukunft ohne Perspektiven. Die Hälfte davon, also rund 25 Millionen, sind Kinder, Jugendliche, die ihre Heimat verloren haben, oft auch ihre Eltern, ihre Familien.
Namenlose Opfer.
Erst in der Nahaufnahme durch die erschütternde Reportage von Claas Relotius bekommen sie ein Gesicht, eine Geschichte. Ahmed und Alin, Bruder und Schwester, 12 und 13 Jahre alt. Kriegswaisen aus Syrien, deren Flucht vor den Bomben in Anatolien endet, wo sie als Arbeitssklaven ausgebeutet werden.
Vor einem Jahr, lieber Claas Relotius, habe ich Ihren Report „Königskinder“ im Spiegel gelesen. Noch so eine traurige Flüchtlings-Geschichte, dachte ich, das kennt man doch, weiß man schon alles. Aber ich konnte nicht aufhören zu lesen. Zeile für Zeile haben Sie mich in eine Welt des Schreckens, der Brutalität, der Hoffnungslosigkeit hineingezogen. Am Ende habe ich mich geschämt. Wie kann es sein, dass wir zulassen, dass Kinder in einem solchen Elend leben müssen? Wo ist die Lobby für diese Kinder? Wir haben doch für alles einen Verein. Warum nicht für Ahmed und Alin?
Dabei hat uns Deutsche kein Thema in den letzten Jahren so beschäftigt, und auch entzweit, wie die Frage, wie viele Flüchtlinge wir aufnehmen und verkraften können.
Manchmal wird man ja gefragt, was man als Erstes tun würde, wenn man Deutschland für einen Tag regieren würde. Ich würde ein Gesetz erlassen, dass die Reportage „Königskinder“ zur Pflichtlektüre für alle Politiker wird. Vielleicht hat sich dann das in meinen Augen beschämende Gerangel um die Obergrenze erledigt. Denn wem das Schicksal der Geschwister Ahmed und Alin aus Aleppo nicht ans Herz geht – hat keines. Sie saßen mit ihren Eltern beim Abendessen, als eine Granate ihr Zuhause zerstörte, die Mutter dabei ums Leben kam. Der Vater wurde erschossen, als er Brot kaufen wollte. Ein Onkel bezahlte Schlepper, um die beiden traumatisierten Kinder in die Türkei zu schmuggeln. In die vermeintliche Sicherheit.
Wahrscheinlich ist es jenseits unseres Vorstellungsvermögen, wie es sein muss, als Kind – alleine gelassen, ohne Verwandte, ohne Vertraute – sich in einem fremden Land mit unbekannter Sprache durchzuschlagen. Die Geschwister, erst zehn und elf Jahre alt, lebten monatelang in einem Wald mit anderen Flüchtlingen, schliefen unter Plastikfolien, schufteten, um zu überleben, mit anderen Flüchtlingen auf umliegenden Feldern, pflückten Baumwolle, ernteten Wassermelonen. Der Bürgerkrieg hat geschätzt eine Million syrische Kinder in die Türkei vertrieben – und damit billige Arbeitssklaven geschaffen.
Die Geschwister wurden getrennt. Alin schuftet jetzt mit anderen Flüchtlingsmädchen im fensterlosen Keller einer Textilfabrik in Marsin. Bis zu 14 Stunden täglich näht sie kleine Krokodile auf Fake-Shirts. Die Kinder dürfen während der Arbeit nicht miteinander reden. Sie haben am Tag nur eine Pause, 40 Minuten, in denen sie Linsensuppe essen. Alins kleiner Bruder Ahmed arbeitet 300 Kilometer entfernt als Schrottsammler. Nachts zieht er durch die Straßen, pro Kilogramm bekommt er eineinhalb Cent. Falls gezahlt wird. Mit neun Jungen aus Homs und Aleppo haust er in einem Verschlag aus Wellblech. Kein Erwachsener kümmert sich um die Kinder. Als wären sie unsichtbar.
Nicht, dass Europa seine Augen vor diesem Flüchtlings-Elend verschließt. Durch das EU-Abkommen fließen Milliarden Euro in die Türkei, sie sollen die Situation der rund 270 000 syrischen Kriegsflüchtlinge in den Lagern verbessern. Aber über zwei Millionen geflüchtete Syrer leben außerhalb der Camps. Für sie gibt es keinen Schutz, keine offizielle Arbeit, keine Hilfe.
Darunter auch entwurzelte, verstörte Kinder wie Alin und ihr Bruder Ahmed. Was soll aus ihnen später werden? Verstörte Erwachsene, wie Experten befürchten.

Eine Frage hätten wir denn doch: Wer glaubt, daß Claas Relotius der einzige Phantasiebegabte ist, der sich in der Presselandschaft der BRD verdient macht?

JV