Hochaktuell – aber aus dem Jahr 1933

Der ermländische Dichterpriester Otto Miller wurde vor 140 Jahren in Mehlsack geboren. Er war der Sohn des dortigen Lehrers und Organisten, besuchte das Gymnasium in Braunsberg, studierte unter anderem in Rom und hatte eine Pfarrstelle in Genua, bevor er ins Ermland zurückkehrte und dort Bischofssekretär, später erster Sekretär an der Bischöflichen Kurie wurde.

Dem nationalen Sozialismus stand er, wie die übergroße Mehrheit der katholischen Ermländer überhaupt, entschieden ablehnend gegenüber. So wurde ihm denn auch nach der Machtübernahme 1933 der Religionsunterricht untersagt.

Seine schriftstellerische Tätigkeit war bedeutend und würde eine Aufarbeitung und einen höheren Bekanntheitsgrad verdienen. Vielleicht kann der 140. Geburtstag etwas bewirken… Sein Erbe wird unseres Wissens im Ermlandhaus in Münster aufbewahrt.

Beim „Stöbern“ stießen wir auf eines seiner Gedichte, das uns sofort faszinierte. Wir wollen es hier wiedergeben und der Aufmerksamkeit unserer Leser dringend empfehlen.

Die Rasse des Kain und die Rasse des Abel

Rasse des Kain, Verächterin Gottes du, hochgeehrte, Dein ist auf Erden die Macht und mit der Macht auch das Recht. Offenen Mundes bewundern dich Tröpfe und hohe Gelehrte, Beifall brüllen dir zu Pöbel und König und Knecht.

Rasse des Abel, mit reinen Händen und frommen Gedanken, Schoßkind des Unglücks, dein Teil ist der verächtliche Tritt. Wenn auf dem Kreuzweg des Lebens die müden Knie dir wanken,

Schallt das Gelächter Kains, lacht seine Horde noch mit.

Kain, du wäschst von den Händen das Bruderblut mit Behagen,

Sieg und Erfolg und der Ruhm der Geschichte sind dein. Du aber, Abel, verblutest stumm, ohne Klagen,
Keiner zeugt für dich, keiner tritt für dich ein.

Kain, du Abgott der Massen, bekränzt als der Schicksalsgesandte,

Ehrfürchtig staunend begafft der Mob noch dein prunkvolles Grab.
Ich aber sehe an deiner Stirn das eingebrannte Zeichen Gottes und wende mich schweigend ab …

JV