Ein Roman als Gegenwartsanalyse – und als Heilmittel

Der Roman „Sire“ (Sire ist die Anrede für den französischen König) des Schriftstellers Jean Raspail erschien 1991, die deutsche Übersetzung erfolgte 2005. Wie viele der Werke des nun auch in Deutschland nicht mehr unbekannten Schriftstellers, der in diesem Jahr 94 Jahre alt wird, hat auch Sire fast schon den Charakter einer Prophetie – dabei tut Raspail nichts anderes, als vorgefundene und analysierte Entwicklungen weiterzudenken.

Schon 1991 konnte man nämlich erkennen, wie die Entwicklung der westlichen Gesellschaft weitergehen würde.

Die Geschichte, die das Buch erzählt, ist erstaunlich schnell wiedergegeben. Fünf junge Leute von etwa 18 Jahren reiten von der Küste über Saint-Benoit an der Loire, über Saint-Denis (heute ein Teil der Pariser Region) und über den alten Krönungsweg nach Reims, dort wird Pharamond – so genannt nach dem legendären ersten König der Franken – von einem uralten Erzbischof zum König von Frankreich gekrönt.

Auf ihrem Ritt begegnen die jungen Leute verschiedenen Menschen, die durch sie nachhaltig beeinflußt werden. Da ist der Innenminister Roth, ein eiskalter Mann. Er heftet sich und das Innenministerium auf die Fersen des Thronprätendenten. Er glaubt, alles im Griff zu haben … . Übrigens heißt eine widerliche Kröte in seinem Garten „Judas“. Im Laufe der Zeit ändert sich das Verhältnis Roths zu Judas signifikant. Später wird Roth jedenfalls dem Präsidenten der Republik auf höchst elegante Weise die Meinung sagen, und man kann von Herzen mitlachen.

Es gibt in den Diensten Roths den Exjesuiten Hyacinthe, ein mieser kleiner Spitzel mit Gestapo-Charakter. Der kann gar nicht anders enden, als er endet.

Dann ist da z.B. der fabelhaft reiche Monsieur Ixe, Besitzer eines multinationalen Konzerns, der an der Sinnleere und der rein materiellen Bestimmtheit seines bisherigen Lebens leidet. Die Passage mit ihm beinhaltet eine der fesselndsten Szenen des Buches, an einer Autobahnraststätte, die übrigens sinnigerweise auf deutsch “Zur schönen Aussicht“ heißt. Vermutlich ist es diese Szene, die Dr. Eileen Kunze in einer überaus liebenswürdigen Rezension des Buches schreiben läßt: „Das Reich des Kronprinzen befindet sich im moralischen Niedergang und ist zu einer zukunftslosen Müllkippe heruntergewirtschaftet.“ An genau dieser Stelle aber beginnt die Wende im Roman, eine Wende, die uns am Ende des Buches voller glücklicher Hoffnung zurückläßt. Es gibt um uns herum so viel Häßliches, Niedergang, Verfall – und das sieht und beschreibt Raspail ganz trefflich. Es gibt aber noch mehr Ermutigung, Kräftigung, Hoffnung! Das will und kann uns „Sire“ vermitteln.

Es ist jetzt nicht nötig, alle Personen zu beschreiben, die vorkommen und die alle etwas darstellen sollen. Man hängt besonders an Pharamonds Schwester Marie. Raspail läßt sie seine eineiige Zwillingsschwester sein, was nicht geht. Das ist ein wunderhübsches Bilddas hier aber nicht verraten werden soll! Man soll es selbst lesen und genießen. Marie jedenfalls ist Pharamonds Antrieb, seine Stütze, seine Kraftquelle, wenn er an der Aufgabe zu scheitern meint. Dann hilft ihre Ermutigung, ihr Gebet. So ist das nun mal mit uns Männern: was wären wir ohne Stütze, Ermutigung und Gebet unserer Frauen oder auch zukünftigen Frauen?

Und dann ist da noch Bruder Ulrich, ein Mönch mit dem bürgerlichen Namen „von Pikkendorff“, der alles darstellt, was an uns Deutschen sympathisch ist.

Der uralte Erzbischof, der Pharamond krönt und damit die Ordnung (wir kommen darauf) wiederherstellt und … nein, das wäre schon wieder zuviel. Er steht jedenfalls für etwas besonders Schönes.

Und der kleine Knabe, der so dringend der Heilung bedarf: natürlich steht auch er für etwas, das der Leser herauskriegen soll. Es ist nämlich eine Tatsache, daß die französischen Könige durch Handauflegung heilen konnten, vor allem die Skrofulose. Englische Ärzte sagten in hoffnungslosen Krankheitsfällen: Hier kann nur noch der König von Frankreich helfen. Diese Fähigkeit starb anscheinbend mit Ludwig XIV. Der letzte König, der 1830 durch eine liberal-bürgerliche Revolution vertriebene Karl X., konnte es nicht mehr, aber er war wohl auch nicht mehr gültig gesalbt (was bei den Franzosen das gleiche ist wie für unsere Herrscher die Krönung. Gesalbt wurden beide, die Franzosen betonen den sakralen Charakter aber mehr, unsere Krönung ist dort der sacre, der deshalb auch so heißt).

Man darf das nicht so mißverstehen, daß Raspail facettenreich ausgeformte Charaktere vorstellen, schaffen wollte. Es geht um etwas anderes: die Personen stehen für bestimmte Verhältnisse, Gegebenheiten, Reaktionen. Sie verkörpern etwas außerhalb ihrer selbst, etwas, das Sie wie ich kennen. Deshalb muß Pharamond ein reiner, sauberer junger Mann sein. Deshalb ist seine eineiige Zwillingsschwester das Bild einer reinen, sauberen Frau.

Sire ist ein Buch, das uns etwas erklären, vielleicht eher erzählen will, ohne uns zu belehren. Es gibt heute so viele Klischees, so viele Denkprothesen, daß man dagegen kaum ankommt. Raspail schafft das. Er erzählt wirklichkeitsgetreu von der unglaublichen Schändung der Gräber der Könige während der sogenannt französischen Revolution. Und das tut er so wortgewaltig! Wer dieses Kapitel gelesen hat, wird den ungeheuren Kultur- und Traditionsbruch erfaßt haben, den dieses Ereignis hervorgerufen hat. Diese Revolution begann 1789, der König Ludwig XVI. wurde 1793 auf dem Schafott ermordet. Was hat jener bewußte Kardinal nur gemeint, als er vom 2. Vatikanischen Konzil als vom „1789 der Kirche“ gesprochen hat? Diesen Bruch mit Geschichte, Kultur und Tradition?

Im Buch findet man in Saint Denis, in der Grablege der französischen Könige, übrigens eine der anrührendsten Szenen. Zwei schwarze Schwestern (nein, keine Nonnen!) sind dort die unglaublich sympathische Symbolisierung von etwas, das uns sehr am Herzen liegt: nämlich daß man eine Zugehörigkeit zu einer Kultur entweder ererbt oder erwirbt.

Ohne Salbung gibt es keinen Monarchen, keinen König. Ohne das heilige Öl, das eine Taube bei der Taufe und Krönung Chlodwigs 497 vom Himmel brachte, weil durch die Menschenmenge für das vorgesehene Öl kein Durchkommen war (das kann man jetzt glauben oder nicht), ohne dieses Öl kann kein französischer König gekrönt werden. Während der bereits angesprochenen Revolution zerschlug ein protestantischer Pfarrer, Abgeordneter des Konvents, des damaligen Parlaments, die Ampulle, damit nie wieder ein König sei. Revolutionäre haben immer so finale Absichten, aus dem gleichen Grunde ermordeten die russischen Revolutionäre 1917 gleich die ganze Zarenfamilie. Nun, die Russen haben Glück: es gibt immer noch Verwandte, die Zar werden könnten. Und auch die Franzosen haben Glück: Jean Raspail beschreibt den abenteuerlichen Weg von Resten der Ampulle und des Öls. Wenn es also so weit ist, können wir wieder fröhlich salben und krönen.

Detailliert, spannend beschreibt Raspail die Grundzüge der Salbung und Krönung der französischen Könige. Das tut er, weil nach dem monarchischen Gedanken die Gnade Gottes durch den König auf das Land fließt: deshalb wirft sich der König während der Zeremonie zu Boden und „heiratet“ symbolisch das Land.

Es braucht einen König, um Gottes Gnade wieder fließen zu lassen! Das Ende des Buches ist voller Hoffnung, Eileen Kunze sprich von Erbauung und Trost und von Treue zu den göttlichen Prinzipien.

Das ist, nur kurz, Raspails Botschaft, Sires Botschaft. Raspail sieht 1991 diese Welt in einem gigantischen Chaos versinken. Und wo stehen wir heute? Ein wenig Nachrichten schauen, ein wenig im Internet surfen, das reicht schon, um den heutigen Zustand von Gesellschaft und Welt einigermaßen zu erfassen. So. Und nun machen wir es wie Raspail. Resignieren? Trübe über den Untergang Europas sinnieren und andere in einen Trauersumpf mit hinabziehen? Nie und nimmer. Ideen, Ideale, Einsatz, Verteidigung und Aufbau. Wir werden gebraucht, und zwar nicht nur als Konsumenten und Wirtschaftsfaktoren, sondern als Menschen mit Zielen, Idealen, Fähigkeiten. Gerade jetzt, in diesen allem Anschein nach so hoffnungslosen Zeiten, in denen der Sozialismus zum letzten Gefecht angetreten ist.

Jean Raspail: Sire. Bonn (nova et vetera) 2/2013, 243 S., 24,00 €

Den Roman kann man hier bestellen. Bei amazon ist er nicht bestellbar; amazon scheint auch die französischsprachigen Bücher Raspails zu boykotieren.

JV