Die Würde der Frau besteht nicht darin, immer männlicher zu werden

Es hat sich (hoffentlich) herumgesprochen, daß „Gender Mainstreaming“ nicht etwa der Kampf um die Gleichberechtigung bzw. Gleichstellung der Frau ist, sondern eine perfide Taktik zur Zerstörung (heute höchst wissenschaftlich „Dekonstruktion“ genannt) des Verhältnisses der Geschlechter mit dem Ziel, letztlich das gesamte Gefüge des menschlichen Zusammenlebens zu zerstören und etwas Neues, etwas Anderes aus den Trümmern zu errichten. Das ist Sozialismus in Reinkultur, der sich um Wissenschaftlichkeit, Realität, Machbarkeit bei der brutalen Durchsetzung seiner gegen Gottes Plan und Willen gerichteten Ziele überhaupt nicht kümmert.

Auch im 20. Jahrundert hat uns das kirchliche Lehramt nicht allein gelassen. Ganz sicherlich gibt es an Johannes Paul II. mehr zu kritisieren als jenen Korankuß, der uns als Bild nicht auszulöschen ist. Und doch hat gerade er sehr viel für die Verteidigung der christlichen Lehre über Ehe, Familie und das Verhältnis der Gechlechter zueinander getan, was allerdings der jetztige Inhaber des Stuhles Petri zu schwächen versucht.

Am Fest Mariä Himmelfahrt 1988 hat der Papst, der aus dem damals unter der kommunistischen Diktatur leidenden Polen stammte und jene Ideologie nur zu gut und hautnah kannte, das Apostolische Schreiben „Mulieris Dignitatem“ veröffentlicht. Es ist, als habe er damals bereits die Folgen jener Sicht auf die Frau und auf die Geschlechter deutlicher gesehen als viele unserer Zeitgenossen heute. – Daß dieses immer die Sicht der Kirche war und ist, wird in diesem Schreiben durch Zitate belegt.

So schreibt er von der

Vertiefung der anthropologischen und theologischen Grundlagen …, die für die Lösung der Probleme in Bezug auf die Bedeutung und Würde des Menschseins als Frau und als Mann notwendig sind. Es geht darum, den Grund und die Folgen der Entscheidung des Schöpfers zu verstehen, daß der Mensch immer nur als Frau oder als Mann existiert.

Der Papst analysiert Mann und Frau, die nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, den Sündenfall, die Erlösung durch Jesus Christus, sodann die Rolle der Frau im Evangelium. Sodann vertieft er die beiden Ebenen der Berufung der Frau: Mutterschaft und Jungfernschaft. Es folgt eine Überlegung über das Mysterium der Kirche, der Braut Christi, und schließlich endet der Papst mit Überlegungen über die Würde der Frau und zur Ordnung der Liebe:

Die biblische Darstellung im Buch Genesis umreißt die Wahrheit über die Folgen der Sünde des Menschen, so wie sie außerdem auf die Störung jener ursprünglichen Beziehung zwischen Mann und Frau hinweist, die der Würde jedes von ihnen als Person entspricht. Der Mensch, sowohl der Mann wie die Frau, ist eine Person und daher »die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur auf Erden«; und zugleich kann eben diese einzige und unwiederholbare Kreatur »sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe ihrer selbst vollkommen finden«.[32] Hier nimmt die Gemeinschaftsbeziehung ihren Anfang, in der die »Einheit von zweien« und die Würde des Mannes wie der Frau als Person Ausdruck finden. Wenn wir daher in der biblischen Darstellung die an die Frau gerichteten Worte lesen: »Dennoch verlangt dich nach dem Mann, doch er wird über dich herrschen« (Gen 3, 16), entdecken wir darin einen Bruch und eine ständige Bedrohung eben dieser »Einheit der zwei«, die der Würde des Ebenbildes Gottes in beiden entspricht. Diese Bedrohung erweist sich jedoch als schwerwiegender für die Frau. Denn an die Stelle einer aufrichtigen Hingabe und daher eines Lebens »für« den anderen tritt das Beherrschen: »Er wird über dich herrschen«. Dieses »Herrschen« zeigt die Störung und Schwächung jener grundlegenden Gleichheit an, die Mann und Frau in der »Einheit der zwei« besitzen: Und das gereicht vor allem der Frau zum Nachteil, während nur die Gleichheit, die sich aus der Würde der beiden als Personen ergibt, den gegenseitigen Beziehungen den Charakter einer echten »communio personarum« (Personengemeinschaft) zu geben vermag. Wenn die Verletzung dieser Gleichheit, die ein vom Schöpfergott selber stammendes Geschenk und Recht ist, sich zum Nachteil der Frau auswirkt, mindert sie gleichzeitig aber auch die wahre Würde des Mannes. Wir rühren hier an einen äußerst empfindlichen Punkt im Bereich jenes »Ethos«, das der Schöpfer schon von Anfang an mit der Tatsache verbunden hatte, daß er beide nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen hat.

Die in Gen 3, 16 gemachte Aussage ist von großer Bedeutung und Tragweite. Sie schließt einen Hinweis auf die gegenseitige Beziehung zwischen Mann und Frau in der Ehe ein. Es handelt sich hier um das im Bereich bräutlicher Liebe entstandene Verlangen, die bewirkt, daß »die aufrichtige Hingabe« von seiten der Frau in einer ähnlichen »Hingabe« von seiten des Gatten Antwort und Vervollständigung findet. Nur auf Grund dieses Prinzips können alle beide und besonders die Frau sich als wahre »Einheit von zweien«, der Würde der Person entsprechend, »selbst finden«. Die eheliche Vereinigung verlangt die Achtung und die Vervollkommnung des echten personalen Subjektseins beider. Die Frau darf nicht zum »Objekt« männlicher »Herrschaft« und »Besitzes« werden. Die Worte des Bibeltextes betreffen aber direkt die Erbsünde und ihre im Mann und in der Frau fortdauernden Auswirkungen. Sie sind von der erblichen Sündhaftigkeit belastet und tragen den ständigen »Sündenkeim« in sich, das heißt die Neigung zur Verletzung jener sittlichen Ordnung, die der Vernunftnatur und moralischen Würde des Menschen als Person entspricht. Diese Neigung kommt in der dreifachen Begierde zum Ausdruck, die der apostolische Text als Begierde der Augen, Begierde des Fleisches und Prahlen mit dem Besitz angibt (vgl. 1 Joh 2, 16). Die vorhin angeführten Worte der Genesis (3, 16) machen deutlich, auf welche Weise diese dreifache Begierde als »Sündenkeim« das gegenseitige Verhältnis von Mann und Frau belasten wird.

Die Worte der Genesis beziehen sich direkt auf die Ehe; indirekt aber berühren sie die verschiedenen Bereiche des sozialen Zusammenlebens: Situationen, wo die Frau deshalb benachteiligt oder diskriminiert wird, weil sie Frau ist. Die offenbarte Wahrheit über die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau stellt das Hauptargument gegen alle Zustände dar, die schon rein objektiv schädlich, das heißt ungerecht sind und dabei das Erbe der Sünde enthalten und zum Ausdruck bringen, das alle Menschen in sich tragen. Die Bücher der Heiligen Schrift bestätigen an verschiedenen Stellen das tatsächliche Vorhandensein solcher Zustände und verkünden zugleich die Notwendigkeit umzukehren, das heißt, sich vom Bösen zu reinigen und von der Sünde zu befreien: von dem, was den anderen beleidigt, was den Menschen »mindert« und herabsetzt, und nicht nur den, dem die Beleidigung zugefügt wird, sondern auch den, der sie zufügt. Das ist die unveränderliche Botschaft des von Gott geoffenbarten Wortes. Darin kommt das biblische »Ethos« mit ganzer Radikalität zum Ausdruck.[33]

In unserer Zeit hat die Frage der »Rechte der Frau« im weiten Rahmen der Rechte der menschlichen Person eine neue Bedeutung erlangt. Indemdie Botschaft der Bibel und des Evangeliums dieses Programm, das ständig durch Erklärungen verschiedenster Art in Erinnerung gehalten wird, erhellt, bewahrt sie die Wahrheit über die »Einheit der zwei«, das heißt über jene Würde und Berufung, die sich aus der spezifischen Verschiedenheit und personalen Eigenart von Mann und Frau ergeben. Daher darf auch der berechtigte Widerstand der Frau gegen die Aussage der biblischen Worte: »Er wird über dich herrschen« (Gen 3, 16), unter keinen Umständen zur »Vermännlichung« der Frauen führen. Die Frau darf nicht – in Namen der Befreiung von der »Herrschaft« des Mannes – danach trachten, sich entgegen ihrer fraulichen »Eigenart« die typisch männlichen Merkmale anzueignen. Es besteht die begründete Furcht, daß sich auf einem solchen Weg die Frau nicht »verwirklichen« wird, sondern vielmehr das entstellen und einbüßen könnte, was ihren wesentlichen Reichtum ausmacht. Es handelt sich um einen außerordentlichen Reichtum. Im biblischen Schöpfungsbericht ist der Ausruf des ersten Menschen beim Anblick der soeben geschaffenen Frau ein Ausruf der Bewunderung und Verzauberung, wie er die ganze Geschichte des Menschen auf Erden durchzieht.

Die persönlichen Möglichkeiten des Frauseins sind gewiß nicht geringer als die Möglichkeiten des Mannseins; sie sind nur anders. Die Frau muß also – wie übrigens auch der Mann – ihre »Verwirklichung« als Person, ihre Würde und Berufung auf der Grundlage dieser Möglichkeiten anstreben, entsprechend dem Reichtum des Frauseins, das sie am Tag der Erschaffung empfangen und als den ihr eigenen Ausdruck des »Bildes Gottes« ererbt hat. Nur auf diese Weise kann auch jene Erbschaft der Sünde überwunden werden, die von den Worten der Bibel angedeutet wird: »Dennoch verlangt dich nach dem Mann, doch er wird über dich herrschen«. Die Überwindung dieses schlimmen Erbes ist von Generation zu Generation Aufgabe jedes Menschen, sowohl der Frau wie des Mannes. In der Tat handelt der Mann in allen Fällen, in denen er für die Verletzung der persönlichen Würde und Berufung der Frau verantwortlich ist, auch gegen die eigene persönliche Würde und Berufung.

Den vollständigen Text des Schreibens findet man hier.

JV