1993 vorhergedacht: Schändung der Kathedrale von Saint Denis

Vor wenigen Tagen haben wir auf „Sire“, den äußerst lesenswerten Roman des großen französischen Schriftstellers Jean Raspail hingewiesen. „Sire“ hat, wie auch Raspails Roman „Das Heerlager der Heiligen“, prophetische Züge. Raspail hat die damaligen gesellschaftlichen Entwicklungen weitergedacht und ist schon 1993 zu Folgerungen gelangt, die sich heute vor unseren Augen verwirklichen.

Das geht bis ins Detail. Vor wenigen Tagen wurde die Kathedrale von Saint-Denis geschändet. Sie ist eine der ältesten Kathedralen Europas und Grablege der französischen Könige, und der angerichtete Schaden ist sowohl materiell wie ideel unabschätzbar.

Wir wollen die Empfehlung dieses hochaktuellen Romans mit einem längeren Auszug verstärken, der eben die Schändung der Kathedrale bereits 1993 vorwegnimmt.

Raspail schreibt:

Die Basilika war ihrer natürlichen Ergänzung, an die sie einst angebaut war, beraubt und begann nun ihrerseits zu leiden. In den frühen Neunziger Jahren hatte man noch versucht, das Stadtviertel zu sanieren. Zunächst hatte man die Fläche des Rathauses verdoppelt, das seine Fundamente und seine alptraumhaften Parkhäuser mitten in die gallorömische Nekropole bohrte. Man schob seine Mauern aus Beton und nie geputztem Glas bis auf die Breite einer kleinen Straße an die Westseite der Basilika heran und beraubte so eines der wunderbaren Fenster der Vierung auf immer des Sonnenlichts. Bei dieser Gelegenheit wurde die Place Pierre de Montreuil, die der alten, umlagerten Basilika Raum schuf und ihr so etwas wie ein schützendes Vorfeld war, auf weniger als die Hälfte verkleinert. Wie vordringende Angriffstürme bei einer Belagerung umstanden den Rathaus-Block eine ganze Reihe scheußlicher Gebäude. Diese Gebäude, gespickt mit Spitzfenstern, Vorsprüngen, Anbauten und Absätzen, glichen, wenigstens was die Bemalung und kriegerische Eleganz anbetraf, gepanzerten Schiffen von früher. Deren Besatzungen hätten jedoch gemeutert, so sehr herrschten dort Unordnung und Nachlässigkeit, in dieser ganzen Betonwüste von Wohnungen und Büros, Geschäften und Fast-food-Restaurants im Erdgeschoß, mit Bürgersteigen, die von Abfällen aller Art starrten, derer die Straßenreinigung, die aus kräftigen und sehr eifrigen Afrikanern bestand, nicht mehr Herr werden konnte. Als erste hatten die Büros aufgegeben. Die weißen Kragen mit Krawatte und Weste verschwanden in mildere Gegenden; sie waren es leid, sich morgens und abends einen Weg zur Metrostation Saint-Denis-Basilique zu bahnen, mit dem äußerst unangenehmen Gefühl, fünf Kilometer im Norden von Paris eine Grenze überschritten zu haben. Zahlreiche Büros wurden von Hausbesetzern in Beschlag genommen, so wie auch viele leerstehende Wohnungen, die ihre vormaligen Mieter ohne Bedauern verlassen hatten, um anderswo ein Leben zu versuchen, sobald sich die Möglichkeit dazu bot.

Die Basilika der Könige war eingekesselt.

Ihre Renovierung war gerade beendet, als die Attacken begannen. Zuerst waren es Schüsse mit Steinschleudern von den betonenen Belagerungstürmen auf die Fenster des Triforiums und die riesige Glasrosette des Westarm der Vierung. Es wurde nachts geschossen. Da die Urheber nicht zu ermitteln waren, befestigte man Außengitter an allen Fenstern der Basilika, insbesondere an denen oberhalb des Chorumganges des 12. Jahrhunderts, die von Suger stammten, der Abt von Saint-Denis, Ratgeber von König Ludwig VI. und Regent des Königreichs unter Ludwig VII. gewesen war. Gegenüber wechselte man das Kaliber der Bolzen, aber da das Gitter trotz allem die meisten Bolzen abhielt, wurde die alte Kirche nun am hellichten Tag von innen angegriffen. Eine Gruppe von Touristen, die sie gerade mit nach oben gerichteten Blick besichtigte, sah plötzlich eines der schönsten Fenster Sugers – die Wurzel Jesse, auf dem der Abt getreu dargestellt ist – sternförmig zerspringen, während ein Gedränge nahe der Tür zeigte, daß die Chaoten nach erfolgter Tat abhauten. Man entschied also, die Fenster nach und nach zu demontieren und durch weißes Panzerglas zu ersetzen. Dann war das Chorgestühl an der Reihe, das man das „Chorgestühl von Gaillon“ nennt, ein wunderbares Meisterwerk aus dem 16. Jahrhundert, eine farbige Intarsienarbeit von unnachahmlicher Schönheit, welche die Sibyllen darstellt. Als man die Sibylle von Delphi verstümmelt vorfand – ihr Gesicht zerschlagen, ihr Kleid mit einem Messer zerhackt und das ganze Renaissance-Dekor unwiederbringlich zerstört – da mußte eine Entscheidung getroffen werden. Da das „Chorgestühl von Gaillon“ sich im Chor befand und somit außerhalb des Bereichs der Grabmale, die bewacht waren und für deren Besichtigung man bezahlen mußte, entschloß man sich, es ebenfalls zu demontieren und in einem Museum in Paris wegzuschließen.

Die Kathedra des Bischofs, nahe am Altar, mit ihrem bischöflichen Wappen und ihrem Baldachin, blieb dort ganz einsam stehen. Im Übrigen nahm der Bischof von Saint-Denis, der ein einfacher Mann war, dort niemals seinen Platz ein. Er verwaltete melancholisch eine Diözese, deren Bevölkerung in dem Ausmaße wuchs, wie die kleine Herde seiner Gläubigen stetig abnahm.

Trotz dieser Verheerungen konnte man die Basilika 1999 noch besichtigen. Auf Warnungen in ihren Hotels hin mieden die Touristen die Metro und kamen in Touristenbussen auf dem Kirchenvorplatz an; von Monat zu Monat wurden es jedoch weniger. Das konnte man keinesfalls den robusten und unwirschen Frauen von den Antillen vorwerfen, die im Auftrag der Generaldirektion der Museen während der Öffnungszeiten über die Grabmale unserer Könige wachten, ein wenig wie posthume Schweizergarden, weiblich und von schwarzer Hautfarbe. Sie nahmen ihren Auftrag sehr ernst und weigerten sich, Eintrittskarten für die Besichtigung der Grabmale zu verkaufen, wenn ihnen ein Gesicht nicht gefiel, und dafür hatten sie einen Blick. Hinter dem Schalter ihres Wachhäuschens lagen sie auf der Lauer und schössen wie Furien hervor, wenn jemand auch nur den kleinsten Versuch machte, das Drehkreuz in betrügerischer Absicht ohne Eintrittskarte zu überwinden. In diesem Bürgerkrieg hatten sie sich für eine Seite entschieden.

Die zähesten dieser Ebenholz-Amazonen hießen Rose und Rachel, zwei Schwestern. Jede wog hundert Kilo, mit Händen wie Teppichklopfer, Bizeps wie Zuckerrohrschneider, Stiernacken und mit dieser erstaunlichen Schnelligkeit der Bewegung, die bei Dicken manchmal überraschend wirkt, darüber hinaus niemals krank, niemals abwesend, ein Verzweiflungsfall für die Gewerkschaften. Sie wechselten sich ab. War die eine im Wachhäuschen, patrouillierte die andere wie ein Sturmpanzer an dem die Gräber abschirmenden Gitter entlang, und so hatten sie in der Treue zu den französischen Königen die höchste Rechtfertigung für ihr Exil, so weit von den heimatlichen Kokospalmen, gefunden. Rose konnte die komplette Liste der Könige aufsagen, ohne einen einzigen zu vergessen, mitsamt ihren Regierungszeiten. Manchmal packte es sie, und dann hielt sie mit ihrer vibrierenden Negerinnenstimme eine ganze japanische Reisebusladung wie versteinert in ihrem Bann. Wenn sie mit Karl X. (1824 – 1830) geendet hatte, schloß sie im Tone niederschmetternder, tiefster Verachtung und mit der Hand durch die Luft wischend: „Und dann kommen die Republiken …“ Außerdem hatte sie ein gutes Gehör. Wenn ein Lehrer am anderen Ende des Bereichs der Grabmale sich erlaubte, seinem Rudel Burschen beim soziokulturellen Herumvagabundieren die üblichen Geschichten von der Gewaltherrschaft der Könige von Frankreich einzutrichtern, von den Haftbefehlen, von der Bastille, von ihrer wahnsinnigen Verschwendungssucht, die das Volk verarmen ließ, dann fand der Unvorsichtige blitzschnell an seiner Seite so etwas wie einen herangaloppierenden Elefanten, der ihn mit einem Schulterstoß zum Schweigen brachte und sich an die begeisterten Burschen wandte mit den Worten: „Ihr kleinen Schwachköpfe! Jetzt erklär‘ ich euch das mal…“ So manch einer aus dem Haufen entdeckte am Ende dieser muskelbepackten Darstellung sein Herz für die Monarchie. Es war also noch nicht alles verloren. Rose ließ auch nicht zu, daß man sich anders als durch respektvolles Flüstern in der Krypta verständigte, in der unter einer schmucklosen schwarzen Platte König Ludwig XVI. ruhte, umgeben von Ludwig VII., Ludwig XVIII., Louise von Lothringen, der Gemahlin Heinrichs III., und von der Königin Marie-Antoinette. Wegen der dort herrschenden Dunkelheit stiegen nur wenige Besucher in die Krypta hinunter, aber wenn es nach Rose gegangen wäre, hätte sie die Besichtigung gänzlich untersagt. Touristen, die laut sprachen oder sich dumme Bemerkungen erlaubten, sahen aus dem Halbdunkel eine Art riesiges Phantom auftauchen, dessen weiße Zähne wie Scheinwerfer aus einem schwarzen Gesicht leuchteten, und hörten eine erzürnte Baßstimme, drohend wie ein entferntes Gewitter: „Seien Sie still und beten Sie! Hier ist das Grab des Königs, den die Franzosen ermordet haben …“ Auch Kopfbedeckungen gerieten in Bewegung. Wer auch immer sich dem Königsgrab näherte und einen Hut auf dem Kopf sitzen hatte, tat gut daran, ihn augenblicklich nach der ersten Aufforderung abzusetzen, eine zweite gab es nicht. Die meisten gehorchten, und die, welche sich anschickten, zu protestieren, entschlossen sich augenblicklich zur Flucht, wenn sie das Monster mit den Füßen scharren hörten wie ein Rhinozeros, das gleich zum Angriff losstürmen wird.

So war Rose.

Wenn man sie mit Martha und Maria vergleichen will, so glich Rachel von beiden Schwestern eher Maria. Jeden Morgen, wenn sie ihren Dienst in der noch menschenleeren Basilika antrat, war ihre erste Handlung, daß sie eine frische Blume auf dem Grabmal König Ludwigs XVI. niederlegte. Das war gar nicht so einfach. Sie mußte auf dem Hin- und Rückweg über das Gitter klettern, das den königlichen Raum umschloß. Wegen ihrer Korpulenz und ihres Gewichts behalf sie sich mit einem Fußbänkchen, das sie zu diesem Zweck mit herunterbrachte. Wenn sie diese Turnübung beendet hatte, kniete sie sich vor das Gitter, gegenüber den Gräbern, und betete bis zum Eintreffen der ersten Besucher, die ihren Atem und ihre Schritte anhielten, gepackt von so etwas wie einem religiösen Bammel beim Anblick dieser hingestreckten dunklen Masse. Dort fand man sie eines Herbstmorgens 1998, mit einem Cuttermesser im Rücken und den Hals von einem Ohr zum anderen aufgeschlitzt. Den Schuldigen fand man natürlich nicht. Die Untersuchung erkannte auf Rache irgendeines Rowdys, der von den beiden furchterregenden Schwestern wohl ein wenig zusammengestaucht worden war. Unterschwellig gab man zu verstehen, dies sei wohl auch die unausweichliche Strafe für Rachels systematische Verweigerung, mit sich reden zu lassen. Das völlig verschreckte Personal trat in Streik, und als es die Arbeit wieder aufnahm, beschloß es, sich einen Dreck um irgend etwas zu kümmern und sich auf den Verkauf von Eintrittskarten zu beschränken, ohne das Wachhäuschen zu verlassen, das verstärkt und gepanzert worden war. Plünderungen ließen nicht auf sich warten. Mehrere Figuren wurden mit dem Hammer bearbeitet. Majestätisch oben auf seinem Kenotaph kniend, verlor Franz I. seine gefalteten Hände und seinen Kopf, das gleiche widerfuhr Ludwig XVI. und Marie Antoinette ein zweites Mal, deren knieende Statuen sich an einem abgelegenen Platz hinten im südlichen Arm der Vierung befanden. Die Generaldirektion der Museen faßte klug, aber ohne eigene Meinung zum Sachverhalt den Entschluß, die Grabmale nach Maßgabe des vorhandenen Kreditrahmens an andere Orte zu verbringen. Ludwig XII. ging als erster, und zum Zeitpunkt dieses Berichts wird Franz I. gerade demontiert. Die Könige von Frankreich, seit Dagobert in der Basilika von Saint-Denis, waren verjagt worden und gingen nach Paris zurück. Die Krypta der Bourbonen hingegen schien die Zerstörungswut der Banden nicht anzuziehen. Dort gab es nichts Spektakuläres zu zerschlagen, und vielleicht war es auch so, daß die Grabsteine aus schwarzem Marmor und die Erinnerung an Rachel, deren Blut auf den Fliesen vergossen worden war, den wütigen Wölfen einen letzten Funken Respekt abnötigten, wenn es nicht die Anwesenheit Roses war, die ständig auf einem Fußbänkchen nahe beim Gitter an den Gräbern saß, eine Lampe in der Hand und eine Schrotpistole am Gürtel, die der Konservator des Museums angesichts der Zustände zu übersehen beschlossen hatte.

Rose hatte die Stelle ihrer Schwester eingenommen. Sie versorgte nun jeden Morgen das Grab Ludwigs XVI. mit Blumen. Sie traf als erste ein, ging als letzte fort, verließ die Krypta nicht mehr, machte unbezahlte Überstunden, verbrachte dort ihre freien Tage, und wenn man es ihr gestattet hätte, dann hätte sie auch gerne dort geschlafen, wie ein treuer Hund zu Füßen seines Herrn. Mittags saß sie auf ihrem Bänkchen und verspeiste ein riesiges Sandwich, und bat den König, ihr den Mangel an Etikette nachzusehen. Infolge des Schmerzes um die Schwester, die sie verloren hatte, war sie noch dicker geworden. Sie war wirklich monströs, in das Halbdunkel geduckt, das alles wegwischte, was menschlich an ihr war, und dieser Anblick einer Negerin, die aus dem Jenseits zu kommen schien, ermutigte die Besucher nicht unbedingt, sich länger dort aufzuhalten. Die Königskrypta war wie verlassen, und Rose blühte dort auf. Die Zweisamkeit mit Ludwig XVI. erfüllte sie mit unaussprechlichem Glück. Sie hatte sich sogar ein Herz gefaßt und zu ihm gesprochen. Sie nannte ihn „Sire, mein König …“, und im Laufe der Stunden hielten die beiden stille Konversation, wie ihre Phantasie es ihr ermöglichte. Sie war des Königs letzter Untertan, und sie wurde länger angehört als eine Herzogin beim petit lever Seiner Majestät. Der König hatte sie übrigens zur Marquise gemacht, und am Hof wurde allgemein anerkannt, daß diese Sklaventochter den Haushalt des Königs perfekt führe. Jeden Morgen und jeden Abend fegte sie die Platten der Krypta, wachste den Marmor des Grabs und polierte ihn, bis ihr der Atem wegblieb, bis der Marmor in der Dunkelheit glänzte wie ein vertrauter und weit entfernter Sternenhaufen, eine Art Astralleib des Königs. Rose kamen auch prosaische Gedanken. So wusch und bügelte sie täglich sorgsam die weiße Pikée-Weste und die Strümpfe des Königs, die immer öfter ausgebessert werden mußten. Und dann zerfloß sie in Tränen bei dem Gedanken, daß in genau diesen Kleidern der König vom Diesseits ins Jenseits übergegangen war. Beten tröstete sie. Das Ende des Tages verlief friedlich. Rose spielte eine Partie Skat mit dem König, gab sich liebenswürdig alle Mühe, zu verlieren, denn der Arme spielte ziemlich schlecht. Um fünf Uhr klingelte es, das Museum wurde geschlossen. Rose stand auf, faltete ihre einhundertzwanzig Kilo zu einem elefantesken Knicks und sagte: „Einen guten Abend, Sire, mein König, bis morgen …“ Und immer antwortete der König: „Einen guten Abend, Rose. Und Danke für Ihre gute Gesellschaft.“ An diesem Abend jedoch fuhr sie zusammen: der König hatte wirklich geantwortet. Sie hatte wahrhaftig den Ton seiner Stimme gehört.

Nachdenklich ging sie nach Hause, in den Norden von Saint-Denis, zwanzig Minuten zu Fuß von der Basilika entfernt. Auf dem Weg machte sie ihre Einkäufe. Während sie unaufmerksam auf den Fernseher schaute, verdrückte sie eine große Portion gesalzenen Kabeljaus mit Kartoffeln. Dann ging sie in Gedanken versunken zu Bett, wobei sie einen untröstlichen Blick auf das leere Nachbarbett in dem kleinen Zimmer warf, das sie mit ihrer Schwester geteilt hatte. Lange lag sie im Dunkeln, hellwach. Hatte sie wirklich die Stimme des Königs gehört? Schließlich schlief sie ein. Das Licht ließ sie aufschrecken. Die beiden Lampen in ihrem Zimmer brannten, und sie hatte sie doch beide ausgeschaltet, daran erinnerte sie sich genau. Die kleine Uhr an der Wand zeigte viertel nach ein Uhr morgens. Sie öffnete die Gardinen, dann die Fensterläden. Die Straße war in tiefste Dunkelheit getaucht, so wie die ganze Stadt, wie auch der Vorstadtgürtel, von Argenteuil bis Bobigny. Der Stromausfall dauerte 47 Sekunden, die sie unbeweglich an ihrem Fenster verbrachte, von mystischer Erregung ergriffen, die ihre enorme Brust mit Ergriffenheit erfüllte. Der König rief sie. So zog sie sich warm an, steckte den Schrotrevolver in die Tasche und hielt ihn dort fest umklammert, stieg ihre fünf Etagen hinunter und schlug wieder den Weg zur Basilika ein, Kinderliedervor sich hin summend …

Wenn man an den Rang und die erstaunliche Unterschiedlichkeit der handelnden Personen dieser Nacht denkt, dann war das wahrhaftig ein äußerst seltsames Treffen.Rose traf als erste ein. Auf dem Weg hatte sie keine Menschenseele getroffen, nicht einmal den Streifenwagen des Polizeihauptkommissariats von Saint-Denis mit den vergitterten Fenstern, der manchmal nachts seine Routine-Runde drehte, willentlich blind und taub. In der herrschenden Stille, in der sie nichts als ihre eigenen Schritte hörte, fragte sie sich verstört, was denn da fehlte, was man normalerweise aus Gewohnheit am Ende gar nicht mehr wahrnahm. Aber ja! Es war der Lärm der Motorräder der jungen Rowdys, die ebenfalls durch die Straßen patrouillierten und auf Beute aus waren oder lärmende Rodeos fuhren, einfach um ihre Gegenwart zu demonstrieren.

Die Wölfe hatten auf die Jagd verzichtet. Der Vorplatz der Basilika lag verlassen, und die Polizeistation im Erdgeschoß des Rathauses war verriegelt wie ein Verlies. Die Polizisten hatten die eisernen Vorhänge heruntergelassen, kein Licht drang heraus.

Rose begab sich unter den Schutz des mittleren Portalvorbaus, lehnte sich an die große, geschlossene Tür und wartete.

JV