Notre Dame de Paris brennt… überall

In solchen Augenblicken, bei solchen Anblicken versagen alle die leider inflationär gebrauchten Begriffe: erschütternd, katastrophaler Alptraum, Seele des Abendlandes… alles das stimmt, aber es drückt nicht ganz aus, was wir empfinden, wenn wir die Bilder der brennenden Kathedrale sehen. Schlimmer noch sind die Bilder der Kathedrale mit dem ausgebrannten Dachstuhl – alles, was an diesem Wunderbau nach oben strebt, zu seiner eigentlichen Bestimmung hin, ist wie abrasiert. Das sind Bilder, die wir nie vergessen werden.

Hier hat mehr gebrannt als eine Kirche, auch wenn die jämmerlichen Reporter von ARD und ZDF mit ihren beschämend dummen Fragen („eine Kirche? Eine katholische Kirche?“) ihr völliges Unverständnis, ihre komplette Ignoranz zeigten.

Notre Dame de Paris ist ein großartiger Teil jener Perlenkette gotischer Kathedralen, die sich von Nordfrankreich aus über ganz Europa erstreckt und im nach den ursprünglichen Plänen erbauten Kölner Dom ihre höchste Vollendung findet. Nachdem die europäischen Völker das Christentum angenommen hatten, errichteten sie im Laufe der Jahrhunderte, von eben diesem Christentum und der Kirche beflügelt, die großartigste Zivilisation der Menschheitsgeschichte. Und die gotischen Kathedralen sind allesamt steingewordene Manifestationen dieser einzigartigen Zivilisation.

Schon die romanischen Kirchen sind Zeugnisse dieses überragenden Geistes: sind sie doch reine Geometrie, bestehen aus Kreisen, Halbkreisen, Rechtecken, Quadraten, Würfeln… Durch die Entdeckung und Anwendung der Strebebögen als Ableitungen des Druckes, den das Gewicht des Daches ausübt, wurden dann die wunderbaren Bauten des christlichen Glaubens möglich, als die wir die gotischen Kathedralen heute noch staunend bewundern.

Sie entstanden in einer Warmzeit, grob gesagt vom 12. bis zum 14. Jahrhundert. Das damalige Klima, welches z.B. Weinanbau bis nach Dänemark und ins südliche England ermöglichte, verführte unsere Vorfahren nicht etwa dazu, untätig in der Sonne zu sitzen, sondern sie nutzten die Möglichkeiten, um in die riesigen Kathedralen alles hineinzulegen, was sie an Kunst, Mathematik (nun ja, eher wohl experimentell), Architektur, ja: sogar Astronomie, Philosophie und Theologie kannten. Und das war enorm viel. Eine gotische Kathedrale entsteht aus der gesamten, katholischen Kultur jener gesegneten Zeit, die von ihren unwürdigen Erben und Verleumdern dann „Mittelalter“ genannt wurde. Von der Vorstellung eines „finsteren“ Mittelalters wird man allein schon durch das Studium der gotischen Kathedrale in Windeseile geheilt.

Typisch ist vor allem das Licht, ist das Streben nach oben, zum Höheren, letztendlich eben zum Licht des Allerhöchsten. Unsere „gotischen“ Vorfahren sahen im Licht den Glanz Gottes aus dem Paradies, und so Unrecht hatten sie nicht. Dieses Streben nach Erkenntnis, dieses Streben zum liebenden und lebendigen Gott, dieses Streben nach der Vereinigung mit der Quelle allen Lichtes: daraus wurde unsere großartige Kultur geschaffen, und das macht sie so einzigartig in der Menschheitsgeschichte.

Schon seit langem werden unsere Kirchen auf abscheulichste Weise geschändet und sind deshalb meistens geschlossen. Für Frankreich, die „älteste Tochter der Kirche“, gilt das ganz besonders. Und wer denkt nicht an jene vieler Gründe wegen berüchtigte Kölner Silvesternacht, in der auch der Kölner Dom Ziel von Böllerschüssen auf die mittelalterlichen Fenster war? Haben wir schon vergessen, daß auch Fenster der Grablege der französischen Könige in Saint-Denis, eine der ersten wunderbaren Kathedralen, erst vor kurzem schwer beschädigt worden sind? Das ist (nicht nur, aber immer auch indirekt) ein Erbe jener anderen Katastrophe, die als „französische“ Revolution am Anfang aller Sozialismen der Geschichte steht. Allzu viele unserer Zeitgenossen haben den Kontakt zu der Zivilisation verloren, welche sie hervorgebracht hat. – Ob nun Notre Dame de Paris durch Brandstiftung oder durch Unachtsamkeit bei Renovierungsarbeiten gebrannt hat, ist nicht geklärt; wir vermuten, daß man die Wahrheit sowieso nicht erfahren wird.

Fest steht, daß wir uns endlich, endlich aufrütteln lassen müssen, uns unser herrliches, gottgeschenktes, von den Vorfahren erarbeitetes, von verräterischen Generationen vor uns verschleudertes Erbe wieder anzueignen. Jeder einzelne Stein von Notre Dame, von all den anderen Kathedralen ist es fraglos wert. Die „anderen“, wer immer sie sind, wissen das sehr wohl (wenn es nicht gar „der andere“ ist).

Die brennende Kathedrale, die Ruine, welcher der Bezug nach oben verbrannt ist, sie muß uns zum Zeichen der Besinnung auf unser Eigenes, auf unser Erbe, auf unsere großartige Zivilisation werden. – Eine Familie soll bereits Spenden in Millionenhöhe für den Wiederaufbau zugesagt haben. Das ist gut.

Es wird aber nichts helfen, wenn wir nicht auch den Geist wieder aufbauen, aus dem das alles entstanden ist. Es brennt überall!

JV