FDP: Bock auf Sozialismus

Wenn man in jenen Zeiten über die innerdeutsche Grenze in die DDR fuhr, hatte man das Gefühl, als liege über allem, wirklich über allem so etwas wie eine Schicht Mehltau. Es war nicht nur der schlechte Zustand der Straßen, nicht nur die nostalgisch anmutende Autobahn. Es waren nicht nur die verfallen(d)en Häuser, dieses Grau, das über allem lag. Im Nachhinein versteht man die Reiselust der DDR-Bürger: bloß raus aus diesem eintönigen, ewigen „Ambiente“.

Sogar die Natur schien diesseits und jenseits der Grenze von anderem Grün, von anderem Wuchs zu sein. Ob das wirklich so war, kann man gar nicht sagen. Es kam einem jedenfalls so vor. Die Rückkehr in die BRD war immer wie ein Aufatmen. So etwas wie ein Freiheitsgefühl überkam einen, und das Unverständnis wuchs, wenn man im Westen Sätze hörte wie „Ist doch nicht so schlimm, wenn es in der DDR mal weniger Käse gibt, schließlich geht es um den Aufbau des Sozialismus“. War es denn wirklich nur der Käse, der da fehlte? Nur das Materielle?

Womit wir beim Thema wären.

Die DDR war damals voller Parolen und Schlagworte, die Sendungen der „Aktuellen Kamera“ und des „Schwarzen Kanal“ sind uns älteren schon länger hier Lebenden noch gut im Ohr. Ein Schelm, wer jetzt denkt, heute hätten wir dafür ARD, ZDF und die einschlägigen Sendungen und Spielfilme, die uns das graue, eintönige, immer wieder dieselben Themen durchkauende politisch korrekte Denken in die mediengewaschenen Hirne hineinkeulen.

Es ist ja nicht nur das. Der Mehltau ist längst immer und überall. Ja: er ist wieder da.

War er je fort? Gewisse Themen kann man einfach nicht mehr hören. Und jetzt sind wir noch ein Stück näher am Thema.

„Die FDP hat sich vorgenommen, die Bildungschancen für alle Schülerinnen und Schüler zu verbessern.“

Mamma mia. Das ist ja mal was. Das ist ja mal was, das wir seit mindestens sechzig Jahren immer wieder hören. Noch jeder Wahlkampf hatte wenigstens diesen Punkt zum Thema. Bildungschancen verbessern. Immerhin: das soll nun auch für Schülerinnen durchgesetzt werden (die, nebenher gesagt, heute sowieso schon mehr als die Hälfte der Gymnasialabgänger stellen und dann Genderprofessorinnen und Gleichstellungsbeauftragte werden. Oder arbeitslos. Je nach Studienfach). An dieser Stelle ist der rührigen FDP zum Vorwurf zu machen, daß sie jene diversen Geschlechter nicht erwähnt, die neuerdings in Stellenausschreibungen verpflichtend erwähnt werden müssen. Diskriminierung! Aber na ja.

„Der Bildungserfolg darf nicht mehr länger vom Elternhaus abhängen.“

Ach, liebe FDP. An dieser Stelle könnte aus dem Stand mindestens ein Fall genannt werden, in dem das finanziell sehr ärmliche Elternhaus in keiner Weise ein Bildungshindernis war (meiner nämlich). Das Elternhaus hat in dieser Hinsicht immer nur eine einzige Rolle gespielt, nämlich die, den Willen zu Bildung zu wecken und zu fördern. Bei wirklicher Begabung (das Wort bzw. die Tatsache gibt es im sozialistischen Denken natürlich nicht, weil ja alles von der Umwelt – also hier vom Elternhaus – abhängt), bei wirklicher Begabung also sprangen schon immer entweder begütertere Verwandte oder Begabtenstipendien ein. So konnten selbst Söhne von Briefträgern Päpste werden, Arbeiterkindern standen, Begabung vorausgesetzt, alle Wege offen. Voraussetzung war aber immer auch Fleiß und Leistungswillen. Ob’s vielleicht heute am Mangel an Fleiß und Arbeitswillen liegen könnte? Sind dies doch Tugenden einer heutzutage verachteten bürgerlichen Lebenseinstellung.

Gerade Du, liebe FDP, solltest den sozialistischen Hintergrund eines Menschenbildes ganz schnell erkennen, der sich darin zeigt, Erfolg einzig dem Elternhaus zuzuschreiben. Der Liberalismus sagt doch eigentlich ganz etwas anderes, oder?

Aber es geht ja noch weiter.

„Deshalb ergreifen wir zahlreiche Maßnahmen. Mit 60 Talentschulen stärken wir die Bildung in Stadteilen (sic!) mit den größten Herausforderungen.“

Abgesehen von der sprachlichen Akrobatik, desaströse Zustände mit Worten wie „Talentschulen“ und „Stadtteile mit den größten Herausforderungen“ zu vernebeln bzw. vermehltauen: Das soll nun die Lösung sein? Es ist der Versuch, aus dem Mops einen Windhund zu machen. Liebe FDP, der Mops hat seine vollkommene Lebensberechtigung als Mops. Er muß nicht schnell rennen, ebensowenig wie der Windhund die Rolle des Mopses übernehmen muß. Für beide ist auf Gottes Erde ein Platz vorgesehen. Anders gesagt: der Mensch wird nicht erst mit dem Abitur zum Menschen, und man wird nicht zum Akademiker, wenn man Autohandel oder Sport studiert hat. In anderen Zeiten als diesen war die Volksschule eine perfekte Vorbereitung auf das Leben. Es gab praktisch kein Analphabetentum, man hatte genügend Rechnen gelernt, um mit seinem Geld vernünftig umgehen zu können. Der Rest lag in eigener Verantwortung: „Mach was draus!“ Nach Jahrzehnten sozialistischer Bildungsexperimente ist davon nur verschwindend wenig übriggeblieben. Stattdessen wird vorgeschlagen:

„In einem weiteren Schritt sorgen wir mit der Einführung des Fachs Wirtschaft dafür, dass ökonomische Grundkenntnisse vermittelt werden und so bewußte Entscheidungen im (sic!) Alltag und Beruf getroffen werden.“

Da sieht man schwarz, wenn man überlegt, daß ein solches Fach ja auch Unterrichtsstunden braucht. Geht das nun auf Kosten von Rechnen (heute schon in der Grundschule hochtrabend „Mathematik“ genannt und immer weniger beherrscht) und Schreiben? Der Volksschulabsolvent früherer Zeiten brauchte das alles nicht, eben weil er rechnen und schreiben konnte und auch genügend des Lesens fähig war, um sich zu informieren „und so bewußte Entscheidungen…“

Keine Lust mehr. Die DDR-Variante der FDP hieß bekanntlich LDPD. Sie stand voll hinter dem Staat und hinter dessen politischem System, dem Sozialismus. Sie war eine Blockpartei, eine „Blockflöte“, wie man gerne sagte. Insofern ist das alles konservativ, denn geändert hat sich da anscheinend nichts. Der Mehltau ist wieder da. Nicht nur über dem, was da unter „Bildungspolitik“ verstanden wird. Wie sehr sich doch der Sozialismus im Denken der BRD breitgemacht hat! FDP und Sozialismus – wer hätte das gedacht?

Am 26. Mai, sagt die FDP, sollen wir wählen gehen. Machen wir. Versprochen.

JV

(Die Zitate stammen aus einer „Bürgerinfo – Ostern 2019“ eines FDP-Ortsverbandes im Rheinland)