Orientierung: Hilaire Bellocs „Die großen Häresien – Der Kampf gegen Europa.“

Bild: Civitas-Archiv

Wenn in Zeiten wie diesen irgend etwas notwendig ist, dann eine klare und eindeutige Orientierung bzw. Orientierungshilfe. Denken wir zum Beispiel an den politischen Bereich, in dem die Namen der Parteien, die früher eine verläßliche Orientierungshilfe waren, zu Drei-Buchstaben-Abkürzungen geworden sind, die überhaupt nichts mehr aussagen. Eine konservative Christlich-Demokratische Union gibt es nicht mehr, sie heißt nur noch so. Eine früher der Arbeiterschaft verpflichtete Sozialdemokratische Partei Deutschlands taumelt aus nur zu gut bekannten Gründen dem Nichts entgegen. Freie Demokraten soll es nur noch sehr wenige geben, und die sollen farblos bis durchsichtig sein. Und so manches, das sich heutzutage „Kirche“ nennt, ist nichts weiter als eine linksgrüne Gesinnungsgemeinschaft – aber sicher keine Glaubensgemeinschaft.

Klare Bezeichnungen mit eindeutigen Aussagen über das, was sie bezeichnen: das ist es, was gebraucht wird! Schon zu unserer Schulzeit waren viele unserer armen Lehrer überfordert, wenn sie klare Definitionen im historisch-politischen Bereich geben sollten. Kommunismus, Sozialismus, Liberalismus… das alles ging so nach dem Motto einer Definition, welche „Demokratie“ einfach mal kurz als „Volksherrschaft“ beschreibt. Und unsere Schulzeit ist denn doch schon ein sehr langes Weilchen entfernt.

Wie gut, wenn man dann auf Bücher stößt, die zu ihrem Thema ganz klare, eindeutige und nachvollziehbare Aussagen machen und somit zur Orientierung beitragen. Ein solches Buch ist „Die großen Häresien – Der Kampf gegen Europa“ von Hilaire Belloc.

Zusammen mit seinem Schriftstellerkollegen und Freund Chesterton war Belloc (1870 – 1953) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein streitbarer, mit scharfer Klinge kämpfender Verteidiger des Glaubens, der Kirche, der christlichen Zivilisation. Sein Gesamtwerk umfaßt weit über 100 Werke. Daß nun endlich das wichtige Buch „Die großen Häresien“ auf deutsch erschienen ist, das ist ein großes Verdienst des rührigen Renovamen-Verlages, dem dafür ausdrücklich gedankt sein soll.

Warum nun ist dieses Buch so empfehlenswert? Nun: wer es gelesen hat (und das ist eine ausgesprochen anregende Lektüre!), der hat eine Definition von „Häresie“ bekommen, er kennt die fürchterliche Gefahr, die von Irrlehren ausgeht. Belloc erläutert das zunächst am Beispiel des Arianismus, der heutzutage eine (un)heimliche Wiederauferstehung erlebt.

Er untersucht dann die Häresie des Mohammed und kommt zu erstaunlich modernen Erkenntnissen, die durch die neueste Forschung gestützt werden. Und durch faktengesättigtes gedankliches Weiterentwickeln des Gegebenen (ein in der Geschichtswissenschaft eigentlich nicht erlaubtes Vorgehen) wird Belloc nicht nur in diesem Fall zum Propheten: „Und ich für meinen Teil kann nicht anders als zu glauben, dass das wichtigste unerwartete Ereignis der Zukunft die Rückkehr des Islam sein wird. Da die Religion an der Wurzel aller politischen Bewegungen und Veränderungen liegt und wir hier eine sehr große Religion vor uns haben, die physisch gelähmt, aber moralisch sehr lebendig ist, befinden wir uns gegenwärtig in einem labilen Gleichgewicht, das nicht permanent labil bleiben kann.“ Das schrieb Belloc 1938! Einen Grund für den erwarteten Wiederaufstieg des Mohammedanismus sieht er übrigens scharfsichtig in der Schwächung des Christentums: „Der Verfall einer Religion schließt den Verfall ihrer korrespondierenden Kultur mit ein, was wir am klarsten am heutigen Zusammenbruch des Christentums sehen. Das schlechte Werk, das in der Reformation begonnen wurde, trägt seine letzte Frucht in der Auflösung unserer angestammten Lehren. Die eigentliche Substanz unserer Gesellschaft löst sich auf.“ Nochmals: das war 1938!

Auf genauso faszinierend klarsichtige Weise untersucht er die albigensische Ketzerei („Der albigensische Angriff“) und ihre Gefahr, sowie die protestantische Irrlehre und ihre verheerenden Folgen. Dabei ist er überhaupt nicht einseitig (obgleich er „Partei“ ist). Die Umstände, die zur sogenannten Reformation führten, werden beleuchtet, korrekt dargestellt und gewichtet; der Gang der Spaltung Europas nicht nur auf religiösem Gebiet wird facettenreich und sachgerecht geschildert, und die Darstellung der Folgen bis hin zum Weltkrieg, den wir den „Ersten“ nennen, und zu den totalitären Herrschaften der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ein ganz großer Wurf, den wir hier natürlich nicht nachzeichnen werden.

„Die moderne Phase“, das letzte Kapitel des Buches, ist von erstaunlicher Aktualität: die exakte Analyse des damals bereits Gegebenen und nicht mehr nur in nuce Angelegten erklärt das, was uns heute erschreckender Alltag, für Belloc noch nahe Zukunft war. „Als habe er es gewußt“? – Nein. Es genügt(e), die Dinge weiterzudenken, um zu recht exakten Voraussagen zu kommen. Die Haupterkenntnis ist diejenige, daß die Zerstörung jener Religion, die unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben prägt, die Zerstörung unserer Gesellschaft und unseres Zusammenlebens ist. Diese Zerstörung ist die ganz große Häresie, ist der Kampf gegen unseren großartigen Kontinent und seine einzigartige, christliche Zivilisation. – Nicht ohne Grund hat der Verlag die brennende Pariser Kathedrale als Umschlagbild gewählt.

Ein bestechendes Buch, das man mit Gewinn auch mehrmals liest und das immer wieder neue Aspekte eröffnet.

Übrigens ist das wohl auch das Verdienst des Übersetzers Julian Voth, der Bellocs Schreibstil gekonnt in unsere Sprache überträgt und das Buch auch in diesem Sinne zu einem Genuß macht. Übersetzern wird in der Regel viel zu wenig gedankt, wenn sie gut gearbeitet haben. Das sei hiermit geschehen.

Dem Buch ist weiteste Verbreitung zu wünschen, damit in unser Denken und Reden wieder sachliche Klarheit und Argumentation Einkehr hält.

Hilaire Belloc: Die großen Häresien – Der Kampf gegen Europa. Bad Schmiedeberg 2019, 218 S., ISBN 978-3-95621-136-2 Hier bestellbar

JV