Der Kindheitstraum des Philippe de Villiers: Frankreichs christliche Wurzeln, Frankreichs christliche Geschichte

Die schlimme, aber so gar nicht verwunderliche Nachricht gleich zu Beginn: Frankreich ist … ja, was ist es eigentlich? Kaputt? Zerstört? Verloren? Alles das zugleich? Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man die französische Presse verfolgt. Täglich Messerangriffe, Pistolenattentate auf offener Straße, mitten in Stadtzentren. Den Bahnhof von Nantes meide sie, meide man allgemein, sagte die französische Freundin: dort seien Zeltstädte aufgebaut, deren neu hinzugezogene Bewohner zu allem fähig, in der Lage und bereit seien. Und an diesem Wochenende liest man in der Presse, in eben dieser Stadt Nantes sei ein Mann mitten in der Stadt erschossen worden.

Polizeikräfte werden angegriffen (sofern sie sich noch in bestimmte Gebiete wagen), desgleichen Feuerwehr und Sanitäter. Kurz: es ist, als lese man Nachrichten aus Deutschland. Frankreich ist nur schon ein wenig weiter als wir. Und das Bildungssystem? Vor Jahrzehnten schon sahen wir die staatlichen Abituraufgaben in Latein. Eine ganze Seite lateinischer Text. Bevor wir unsere Bewunderung ausdrücken konnten, drehten wir das Blatt um. Da stand dann der gesamte Text, übersetzt ins Französische, ergänzt durch ein paar läppische Verständnisfragen und zwei Fragen zur Grammatik, die ein Anfänger im ersten Jahr hätte beantworten können. Am übelsten soll der Wissensstand in Geschichte sein.

Womit wir beim Thema wären.

Kaputt? Zerstört? Verloren? Alles das zugleich? „Il faut tout refaire, il faut tout recommencer“, sagte uns vor langer Zeit die Oberin eines Klosters. Wir müssen ganz von vorne anfangen, wir müssen alles neu aufbauen.

Aber wie? Wie soll man ein Land wieder aufbauen, dessen scheinbar bürgerlicher, in Wirklichkeit aber sozialistischer Präsident gerade eben eine vorbestrafte „Femen-Aktivistin“ zur Beraterin gemacht hat? Jene Dame hatte mit entblößtem Oberkörper in der Ukraine ein großes Holzkreuz medienbegleitet mit einer Motorsäge umgelegt; dann zerstörte sie (ebenfalls medienwirksam barbusig) eine Glocke in Notre-Dame (Ach! Notre Dame! Notre Dame!)… und lassen Sie uns nur noch erwähnen, daß sie unter dem unsäglichen Präsidenten Hollande als Verkörperung der „Marianne“, der Symbolfigur des revolutionären Frankreichs, auf Briefmarken auftauchte, was wiederum nicht unpassend ist.

Von der wirtschaftlichen Lage Frankreichs, von den enormen sozialen Problemen, von der Zerstörung des Mittelstandes reden wir nicht: es würde einfach zuviel.

Da gibt es keine Hoffnung. Oder doch?

Die Vendée ist eine Landschaft im Westen Frankreichs. In der Revolutionszeit bis ins beginnende 19. Jahrhundert hinein erlebte die Vendée den ersten großen Völkermord in der Geschichte der Neuzeit. Die mörderische Revolution, die sich jeweils am 14. Juli selbst feiert, wollte die tief katholische und königstreue Bevölkerung dieses schönen Landstrichs ausrotten und erfand gleich mehrere sehr effektive Methoden für diesen Zweck. Die Vendéens schlugen sich heldenhaft, sie verloren. Die Propaganda und die Repression der Republik machte aus der Vendée bis in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts hinein eine rückschrittliche Gegend, bevölkert von unwissenden Bauern. Tatsächlich herrschte große Armut, Arbeitsplätze gab es nicht, weil es keine Industrie gab.

1978 hatte Philippe de Villiers, damals Student an der Beamten-Eliteschule ENA, so etwas wie eine Vision. Fernab von allem, auf einem Hügel, hatte er in seiner Vendée eine Schloßruine gesehen, mit einem großen Teich davor (oder ist es schon ein kleiner See?). In der Nähe gibt es kleine Orte, kaum Infrastruktur. Hier will Philippe de Villiers etwas aufbauen, er hat so etwas wie einen Kindheitstraum. Es soll etwas französisches werden, ganz anders als der gerade entstehende Micky-Maus-Park bei Paris. So etwas wie Theater, aber ganz anders. So etwas wie Konzert, aber ganz anders… Nachts, vor der Kulisse des Schlosses, geheimnisvoll angestrahlt, mit Theater- und Filmeffekten, Musik, mit Pferden, mit… Und wie soll das gehen? Allein die Finanzierung!

Die Musik sollte klassisch sein. Die Banken und andere Investoren winken ab. Klassik – das interessiert keinen. Rock oder Rap oder so, das geht. Aber Klassik? Nein danke.

Geschichtliche Themen sollten es ein. Die Banken und andere Investoren winken ab. Geschichte? Das interessiert keinen. Nein Danke.

Und die Bauten, die „Bühne“, sollte schön sein, schöne Architektur. Die Banken und andere Investoren… Nein Danke.

Es solle gesprochene Texte geben. Die Banken… Nein Danke.

So kommt es, daß de Villiers mit hunderten von Freiwilligen aus der Umgebung die Cinéscénie erarbeitet (das Wort hat er erfunden, ein Wort, das es noch nicht gab, für eine Vorstellung, die es noch nie gab). Auch die Freiwilligen hat er erst überzeugen müssen; das ist ihm aber letztlich gelungen. Eine ordentliche Portion Skepsis bleibt, aber de Villiers bleibt bei seinem Kindheitstraum, wie er selbst es in seinem Buch über den Puy du Fou nennt, von dem wir hier reden. Zunächst ist es reine Improvisation, zum Teil einfach nur abenteuerlich. Aber schon die ersten Anfänge überzeugen. Bald kommen die Zuschauer in Massen zu den nächtlichen Aufführungen, bald sind es hunderte von freiwilligen Akteuren und tausende Zuschauer. Eine neue Tribüne wird gebaut. Die Cinéscénie findet auf 18 ha. „Bühne“ statt, auf einer Breite von 800 Metern. Immer mehr berühmte Leute kommen, einer der Höhepunkte ist der Besuch des großen Alexander Solschenitzin, der die Möglichkeiten des Puy du Fou sofort erkennt und sich auch noch als genauer Kenner der Geschichte der Vendée erweist.

Die Cinéscénie beschreibt das Leiden der Bevölkerung der Vendée in der neueren Geschichte, immer wieder unterbrochen von Zeiten friedlichen Lebens in bescheidenem Wohlstand. Es ist eine Geschichte von Tradition, von Weitergabe, von Fortschritt, von Liebe, Freude, Leid und Katastrophen. Erzählt wird die Geschichte in phantastischen Bildern mit umwerfenden Effekten, am Schluß mit einem mehrfach prämiierten Feuerwerk. Im Grunde ist das der Ruf danach, endlich von den Auswüchsen der Politik in Ruhe gelassen zu werden und ein Leben zu führen, das nicht immer wieder von der Revolution, von mörderischer Soldateska, von Raubzügen und Kriegen zerstört wird.

Wir wollen an dieser Stelle nicht weiter auf die umwerfenden Effekte der Cinéscénie eingehen. Es soll reichen, wenn wir sagen: man ist mitten drin im Geschehen, in der Trauer, in der Freude, im Frieden und auch in der Schlacht, in den Angriffen und Bombardements.

Dem Französischsprachigen sind die Texte, die Philippe de Villiers verfaßt hat, eine reine Ohrenweide, voller Schönheit und Poesie, voller Kraft und Eleganz. Vorgetragen werden sie von berühmten Schauspielern, was den Genuß noch ganz enorm steigert. Und auch die Schauspieler, die Akteure sind einfach perfekt.

An jenem Abend waren wir 13 700 Zuschauer, und wir waren anderthalb Stunden lang gebannt. Einer der berühmten Theaterkritiker des vergangenen Jahrhunderts soll über ein Theaterstück einmal gesagt haben: „Als ich um halb zwölf auf die Uhr schaute, war es erst neun Uhr.“ Uns ging es umgekehrt. Die Zeit verging im Fluge. – Ist es nach alledem verwunderlich, daß man Karten für die Cinéscénie Monate im Voraus bestellen muß?

Zwanzig äußerst erfolgreiche Jahre später entstand dann der „Grand Parc“. Das ist ein Gang durch die Geschichte Frankreichs, der mindestens drei Tage Aufenthalt erfordert (die Preise sind vergleichsweise moderat und für das, was geboten wird, sogar gering).

Es beginnt mit dem gallo-römischen Amphitheater. Man wohnt einem Wagenrennen bei, einem echten, minutiös ablaufenden Wagenrennen. Es findet statt, weil der Held des Ganzen, ein Christ, seine christliche Freundin vor der Verfolgung durch den Statthalter retten will, und der Sieg beim Wagenrennen ist eine Bedingung dafür. Echte Löwen, sogar eine echte Hyäne ziehen bedrohlich durch das Stadion, am Schluß siegen natürlich die christlichen Liebenden, die zuvor Verfolgten.

Das ist durchgehend Thema im Grand Parc und bei allen Vorstellungen, die dort den ganzen Tag (dreimal täglich!) stattfinden. Man erlebt einen Wikingerangriff auf ein Dorf, die Wikinger werden durch ein Wunder des hl. Philbert bekehrt. Man geht durch ein mittelalterliches Dorf, durch ein Dorf im 18. Jahrhundert: keine Kulissen, sondern echte Häuser, die man begehen kann und in denen man echten Handwerkern bei der Arbeit zuschauen kann. In einem riesigen Theater erlebt man die Geschichte der Vendée-Kriege, die auf einer 360°-Bühne packend dargestellt wird: eine Geschichte, die in Frankreich heute kaum jemand noch kennt; der Unterricht ist katastrophal, die mündliche Überlieferung ist schon lange abgebrochen. Auch hier wieder der Bezug auf den Glauben: Kreuz, Kirche, Gebet sind allgegenwärtig, aber eben nicht aufdringlich.

Ein reizender Marktplatz eines Städtchens aus dem Jahr 1900 lädt zur Rast in einem stilechten Café ein, oder ganz einfach zum Beobachten der Mitmenschen von einer Bank unter dem Dach des Marktplatzes aus.

Man erlebt die Taufe Chlodwigs, des ersten Frankenkönigs. Wäre er nicht katholisch geworden, dann wären wir es heute auch nicht. Man nimmt teil an der Expedition und am Untergang des Schiffes „La Pérouse“ in jenem wissensdurstigen 18. Jahrhundert, welches die Welt vermessen wollte. Und man geht in extrem gedrückter Stimmung durch die Laufgräben des ersten Weltkrieges, ahnt die entsetzlichen Schrecken dieses fürchterlichen Gemetzels, bei dem man nicht weiß, ob nicht die Überlebenden das schlimmere Los gezogen hatten. Aber: am Ende erfährt man von jenem „Weihnachtsfrieden“ 1914, als französische und deutsche Soldaten in den Schützengräben gemeinsam Weihnachten feierten. „Stille Nacht“ erklingt, auf Deutsch, und wieder denkt man, daß die Religion eben doch vereinend wirkt, nicht trennend. Trennend wirkt da ganz anderes.

Jeanne d’Arc haben wir auch gesehen. Vor grandioser Kulisse wurden die besten Reiter des Puy du Fou ausgewählt, um an der Befreiung von Orléans teilzunehmen, und das von der hl. Johanna mit der Verteidigung des Puy du Fou beauftragte junge Mädchen schafft das auch durch ein Wunder einer heiligen Lanze, welche Johanna zurückgelassen hat.

Es gibt noch eine Vogelschau mit frei fliegenden Raubvögeln (für Hitchcock-Geschädigte etwas anstrengend), auch in mittelalterlichem Stil; so ganz nebenher lernen wir, daß es das „finstere Mittelalter“ eben gar nicht gegeben hat.

Es gibt noch so vieles: Von einem Freizeitpark ist der Puy du Fou weiter entfernt als ein 3D-Kino von einer Camera Obscura. Wir wollen und können gar nicht alles schildern. Überall klassische Musik, überall Geschichte, überall Architektur, überall Texte. Das Wesentliche ist: In allem ist ein Bezug auf Geschichte, auf Kreuz und Religion, auf Tradition, auf das, woher wir kommen und was uns groß gemacht hat. Auf das, was wir verloren haben und unbedingt neu erwerben müssen, bei Strafe des kulturellen Todes, bei Strafe des, wie Konrad Lorenz sagte, verhausschweinten Vegetierens.

Zwei Millionen Besucher zählt der Puy du Fou jedes Jahr. Sie kommen aus ganz Frankreich. Sie schaffen Arbeitsplätze auch in der Gastronomie, im Hotelgewerbe, im Bauwesen und überall sonst.

Philippe de Villiers, der das Werk inzwischen seinem Sohn übergeben hat, tut hier mit Sicherheit mehr für Frankreich als irgendeine Partei, als irgendein Politiker. „Die meisten Politiker reden nur. Philippe de Villiers ist einer der ganz wenigen Politiker, die wirklich etwas geleistet haben!“ sagte einer der tausenden von Freiwilligen, mit dem wir auf dem Weg zur Cinéscénie ins Gespräch kamen. Wir stimmen zu.

Wir müssen ganz von vorne anfangen, wir müssen alles neu aufbauen, und das geht nur so. Die Spanier haben das verstanden, sie lassen schon Akteure für einen ähnlichen Park bei Toledo ausbilden. Russen und Chinesen stehen vor der Tür, vielleicht kann man auch Polen begeistern (für manche dortige Region wäre das genau die Initialzündung, welche auch die Vendée brauchte, damals). Die Leute müssen ihre Wurzeln, ihre Geschichte kennenlernen, ihr Eigenes, ihr „Woher“, dann gibt es auch keine Probleme mit dem „Wohin“. Nicht umsonst ist der Sozialismus extrem erinnerungsfeindlich. Da muß man ansetzen! Man kann nur lieben, was man kennt.

Sind wir da zu hoffnungsvoll? In einem Teil des Parks sind Fabeln von La Fontaine dargestellt und werden vorgetragen. Fabeln, die wir noch in der Schule gelernt haben (zumindest die berühmteste vom Fuchs und dem Raben). Da gibt es die Fabel vom Frosch, der so groß sein wollte wie der Ochse. Er bläst sich auf und bläst sich auf, bis er letztendlich platzt. Eine junge Frau mit Kind geht vorbei. „Mama, was ist das?“ fragt der Kleine. Mama weiß es nicht, hat auch keine Lust, es zu lernen und zieht den Kleinen weiter. Verpaßte Chance. Aber das ist nur eine Chance von zwei Millionen jährlich. Da wird doch wohl mehr hängenbleiben. Hoffen wir. Dringend.

JV