Hl. Papst Pius X.: Kirche, Kultur und Geschichte

„Die Kirche, die Christus den Gekreuzigten, ein Ärgernis und eine Torheit vor der Welt, predigt, ist zur ersten Anregerin und Förderin der Kultur geworden; und sie verbreitet diese überall, wo ihre Apostel predigen, sie bewahrt und vervollkommnet die positiven Elemente der alten heidnischen Kulturen, entreißt die jungen Völker, die sich in ihre mütterlichen Arme flüchten, der Barbarei und bildet sie zu einer Kulturgemeinschaft heran; sie verleiht der ganzen Gesellschaft, wenn auch nur allmählich, so doch mit sicherer und wachsender Wirkkraft, jenes charakteristische Gepräge, das sie noch heute überall aufweist. Die Kultur der Welt ist eitle christliche Kultur; sie ist umso wahrer, umso dauerhafter, umso fruchtbarer, je eindeutiger sie christlich ist; sie geht umso mehr zurück, zum großen Schaden für das allgemeine Wohl, je mehr sie sich der christlichen Gesinnung entzieht. Damit wird die Kirche durch einen inneren Sachzwang auch faktisch zur Hüterin und Sachwalterin der christlichen Kultur. Diese Tatsache wurde in früheren Jahrhunderten der Geschichte anerkannt und angenommen; sie bildete auch die unbestrittene Grundlage der staatlichen Gesetzgebung. Auf diese Tatsache stützten sich die Beziehungen zwischen Kirche und Staat, die öffentliche Anerkennung der Autorität der Kirche in allen Angelegenheiten, die auf irgendeine Weise das Gewissen betreffen, sowie die Unterordnung der Staatsgesetze unter die göttlichen Gesetze des Evangeliums und das Zusammenwirken der beiden Gewalten, der staatlichen und der kirchlichen, um die zeitlichen Güter der Völker so zu regeln, daß die ewigen nicht Schaden leiden.

Wir brauchen Euch, Ehrwürdige Brüder, das Gedeihen und Wohlergehen, den Frieden und die Eintracht, die ehrfürchtige Unterwerfung unter die Autorität und die hervorragende Regierung nicht auszumalen, die in der Welt entstehen und bestehen würden, wenn sich dies hohe Ideal der christlichen Kultur vollkommen verwirklichen ließe. Aber da nun der Kampf des Fleisches gegen den Geist, der Finsternis gegen das Licht, Satans gegen Gott fortdauert, ist dies nicht zu erwarten, wenigstens nicht in vollem Umfang. Daher wird es in die friedlichen Eroberungen der Kirche hinein ständig Einbrüche geben, die umso schmerzlicher und unheilvoller sein werden, je mehr die menschliche Gesellschaft danach strebt, sich nach Prinzipien zu regieren, die zum christlichen Geist in Widerspruch stehen, oder sogar ganz von Gott abzufallen.

Dies ist kein Grund, den Mut zu verlieren. Die Kirche weiß, daß die Pforten der Hölle sie nicht überwinden werden; aber sie weiß auch, daß sie in der Welt bedrängt werden wird, dass ihre Apostel wie Schafe unter die Wölfe gesandt sind, dass ihre Anhänger mit Haß und Verachtung bedacht werden, wie ihr göttlicher Gründer mit Haß und Verachtung überhäuft wurde. Die Kirche geht trotzdem unbeirrt weiter voran, und während sie das Reich Gottes ausbreitet, wo es bisher noch nicht gepredigt wurde, bemüht sie sich auf jede Weise, die Verlorenen im schon eroberten Reich wiederzugewinnen.“

Hl. Papst Pius X.: Enzyklika Il fermo proposito (11. Juni 1905)

JV