Der Sieg der Johanna Haarer oder: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind

Die Manipulierbarkeit großer Menschenmassen ist erschreckend. Es kann nach Belieben jedwede Sau durch’s Dorf gejagt werden: ihr wird immer gefolgt werden. Saurer Regen, Vogelgrippe, BSE, CO2, gut ausgebildete Facharbeiter und Gehirnchirurgen… : es kann sich alles tausendmal als Blödsinn herausstellen – es wird immer wieder neu geglaubt. Dabei hätte es z.B. genügt, in den 80er Jahren Regen auf Lackmuspapier tropfen zu lassen, und man hätte gewußt, daß es nichts war mit saurem Regen.

In diesem Tagen rennen (freiwillig? unfreiwillig?) verstörte Kinder in der Mauser oder kurz danach hinter einem kranken Mädchen her. Niemanden stört es, daß dieses Kind ranghohe Staatsvertreter wirre anblafft – und dafür auch noch von eben denselben Staatslenkern Applaus bekommt, genauso wie die armen Freitagskinder, die von denen Applaus bekommen, gegen die sie „protestieren“.

Verrückt. Alle diese Leute atmen die sauberste Luft, die es in diesem Land zumindest seit vielen Jahrzehnten gegeben hat. Unsere Flüsse und sind weitestgehend sauber, unsere Nahrungsmittel gut kontrolliert, unser Gesundheitswesen funktioniert immer noch und trotz alledem. Das Bildungssystem offenbar nicht mehr so ganz.

Was also ist los? Was sind das für Menschen, die hinter jeder vorgebeteten Meinung und Parole gläubig hinterherlaufen, die ihre eigene Lebensgrundlage abschaffen wollen, über Steuererhöhungen jubeln, mit 86 Jahren noch per Fahrrad einkaufen und zwangsweise in Kleinstwohnungen eingewiesen werden wollen, weil man ja im Alter nicht mehr so viel Platz braucht und dieser Platz für andere gebraucht wird. Wie ticken die?

Natürlich gibt es hier keine einfache und schon gar keine einzig richtige und vollständige Antwort. Es gibt aber einen ganz wesentlichen, psychologischen Aspekt, denn die Antwort auf psychische Defekte kann doch nur in der Psyche gesucht und gefunden werden. Die Frage ist auch: wie kommt es, daß man auf das Glück eigener Nachkommenschaft nicht nur verzichtet, sondern diese auch noch umbringen läßt? Daß man zwar heiratet, aber eine solche Ehe so gut wie nie mehr lebenslang dauert (wodurch sie ihren Sinn und Wert erhielte)? Wie schafft man Menschen, die bindungsunfähig sind, die echte und tiefe Emotionen in Fernsehserien erleben, die Nächstenliebe durch Fernstenliebe ersetzen und dadurch das völlig falsche Gefühl haben (Gefühl, eben!), gut zu sein. Nein: besser zu sein. Wie müssen solche Menschen erzogen werden?

Im Jahre 1934 erschien die erste Auflage des Buches „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Dr. Johanna Haarer. Während der Diktatur des nationalen Sozialismus war das Buch Lehrmittelgrundlage der Reichsmütterschulung, es wurde (nach der Diktatur der nationalen Sozialisten) in entschärfter Form, aber in der Grundtendenz unverändert, noch bis 1996 neu aufgelegt: wahrlich ein Buch mit breiter Wirkungsgeschichte. 1,2 Millionen Exemplare wurden bis 1987 verkauft.

Dr. Johanna Haarer (1900 – 1988) war Lungenfachärztin, hatte keinerlei Ausbildung in irgendeiner Art von Pädiatrie, Pädagogik bzw. (Entwicklungs-)Psychologie und war auch keine Kinderärztin. Ihre Doktorarbeit umfaßte 12 Seiten zum Thema „Ein Beitrag zur Ätiologie der Pachymeningitis hämorrhagica interna“. Johanna Haarer war fünffache Mutter.

Daß sie, wie so viele andere, auf die Ideologie des nationalen Sozialismus hereinfiel, soll ihr hier nicht zum Vorwurf gemacht werden, das ist kurzfristig auch großen Geistern passiert. Allerdings ist bezeichnend, daß sie, laut Auskunft ihrer jüngsten Tochter, bis zu ihrem Lebensende nicht davon abgewichen ist. Was uns in höchstem Maße erschreckt und erschüttert, ist die Tatsache, daß ihre Erziehungsprinzipien sich ganz offensichtlich bis in unser Jahrhundert, bis in sozialistische Kinderkrippen erhalten haben und dort anscheinend bis vor ganz kurzer Zeit immer noch angewendet wurden; wir beziehen uns hier auf eine Meldung aus dem Jahre 2012. Und das, obgleich ihre eigenen Kinder an der Gefühlskälte der Mutter enorm gelitten haben. Probleme innerhalb der Familie seien mit Gewalt gelöst worden, unter der Gefühlskälte der Mutter hätten die Kinder leiden müssen, erklärte die jüngste Tochter in einem Telefongespräch am 03.11.2000.

Es fällt unglaublich schwer, Zitate aus den Büchern von Johanna Haarer sachlich-nüchtern und ohne emotionale Erschütterung zu lesen, gar: in ihren Konsequenzen zu überdenken. Es gibt in ihrem Buch, in ihren Büchern kaum eine Anleitung zum Umgang mit Kleinst- und Kleinkindern, die nicht in höchstem Maße grausam ist. Wir können es nicht unterlassen, einen Kommentar hinter die wesentlichen Anleitungen zu schreiben, die wir nun zusammenfassen wollen:

  • Man solle, heißt es, Kinder ruhig schreien lassen, das kräftige die Lungen. (Als ob das Kind schreit, weil es ihm so gut geht und es dringend die ertüchtigende Tätigkeit des herzzerreißenden Schreiens üben wolle).
  • Man solle die Kinder auch schreien lassen, damit sie sich daran gewöhnen, ihren Willen nicht sofort erfüllt zu bekommen. Ansonsten ziehe man sich kleine Diktatoren heran. (Als ob diese Kleinen, soeben per Geburt aus einem recht angenehmen Paradies „vertrieben“, einen Willen hätten. Sie haben Bedürfnisse, und die können sehr dringend sein für jemanden, der sie vorher noch nicht einmal kannte und der sein Gefühlsleben noch gar nicht im Griff haben kann).
  • Man solle die Kinder nach der Geburt erst einmal längere Zeit (ein, zwei Tage) nicht stillen, später dann nur zu festgelegten Zeiten – alle vier Stunden –, damit sie sich rechtzeitig an festgelegte Mahlzeiten gewöhnen. (Als ob im Säuglingsalter bereits solche Lernschritte möglich wären! Das Kind, bisher seiner Bedürfnisse nicht einmal bewußt, wird nichts anderes erleben als einen ungeheuren Mangel nicht nur an Nahrung, sondern auch und vor allem Mangel an Liebe, Zuwendung, Wärme, Nähe).
  • Man solle die Säuglinge im ruhigsten Raum der Wohnung abstellen und einzig zum Stillen aus diesem Raum holen. Haarer: Das Kind wird gefüttert, gebadet und trockengelegt, im übrigen aber vollkommen in Ruhe gelassen. (Bei Erwachsenen würde man in diesem Falle von Isolationsfolter sprechen. Zu recht. Bis zur Geburt war das Kind von höchst vertrauten Geräuschen ständig umgeben und mit dem Leben der Mutter engstens verbunden. Es ist leicht, sich vorzustellen, was es durch eine so große Isolation, deren kurze und recht herzlose Unterbrechung und die dann wieder erfolgende Isolation empfindet).
  • Wer liest, wie in der „Reinlichkeitserziehung“ laut Haarer Kinder im Alter von weniger als einem Jahr (!!) zur Kontrolle von Schließmuskeln erzogen werden sollten, die sie naturgegeben erst nach dem Laufenlernen langsam zu kontrollieren lernen können (das hängt mit den erst dann durch die Beinbewegung ausgebildeten sog. „Pyramidenbahnen“ im Rückenmark zusammen), der kann sich ein Bild von den Zwängen machen, die so auf wehrlose Kinder ausgeübt wurden. Und wer dann an die Spätfolgen solcher „Erziehung“ denkt…

Haarer: Eine deutsche Mutter kennt keinen  Fehler außer dem einen, ihre Kinder zu verzärteln.

Wir überlassen es den Fachleuten, den Psychologen, an dieser Stelle von Dressur und Neurotisierung zu sprechen. Uns scheint es ganz eindeutig, daß eine solche Konditionierung bindungsunfähige, emotionsarme bis emotionslose, rein egozentrische Erwachsene hervorbringen muss.

Haarers Bücher wurden nach der Diktatur des nationalen Sozialismus in der sozialistischen SBZ, später DDR auf die Liste der „auszusondernden Bücher“ gesetzt. Das war aber nur der Tatsache zu verdanken, daß Haarer in eben diesen Büchern die Erziehungsprinzipien des nationalen Sozialismus verkündete, wie sie dessen Führer auch in „Mein Kampf“ verkündet haben soll (wir haben das nicht gelesen). Und weil sie auch Anleitungen schrieb, wie dieser Führer auch schon kleinsten Kindern nahezubringen sei. Es war dieses eben der falsche Führer; inzwischen setzte man dort auf andere dieser Machart.

Wie konnte es ein, daß Millionen von Müttern auf solche grausamen Vorschriften hereinfielen? – „Wir wußten es doch nicht besser!“, haben wir als Antwort auf diese Frage gehört. Disziplin statt mütterlicher, natürlicher Gefühle. Und das setzt sich dann fort. Generationen hindurch.

Der Mensch ohne Bindung an Kirche, Volk, Heimat, Familie, Partner, Kinder. Der Mensch ohne echte und tiefe Emotionen. Denken wir hier an die z.B. bei Hundewelpen verbotene frühe Trennung von Mutter und Kind? Ja! Auch! Das führt dann zu dem Menschen, dessen einziges Glücksgefühl die (gewährte!) Befriedigung seiner Bedürfnisse ist. Der Mensch, der deshalb durch denjenigen manipulierbar ist, der sich ihn abhängig macht.

Wer es schafft, diesen bindungslosen Menschen an sich zu binden, der hat ihn in der Hand. Wer es schafft, die echten und tiefen Emotionen zu unterdrücken und durch oberflächliche, falsche, manipulierte Gefühle zu ersetzen, der kann ihn manipulieren. Wer Haarers und anderer (es gab viele Haarers!) Prinzipien befolgt, der hat ihn in der Hand, jenen in seiner Würde reduzierten Menschen, der gar nicht mehr weiß, wie unglücklich er ist, wenn ihm nur noch Arbeit, Konsum und Angepaßtheit bleibt. Nur Zyniker würden jetzt sagen: dann sei er ja, wenn er nicht unglücklich sei, wenigstens zufrieden, wenn nicht gar glücklich.

Es ist zu fürchten, daß diejenigen, die Haarers und ihrer modernen Nachfolger Prinzipien nach wie vor vertreten, genau das so meinen.

Der Kampf für eine liebevolle Erziehung in Geborgenheit und Zuwendung, eine Erziehung in der behütenden Sicherheit der Familie aus Vater, Mutter und Kindern darf deshalb niemals, niemals aufgegeben werden. Der Kampf gegen Verführbarkeit, Manipulierbarkeit, Vermassung und, wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz sagte, gegen die „Verhausschweinung“ des Menschen. Es ist der Kampf um eine Zukunft in gottgegebener und in Gott gegründeter Menschenwürde.

JV