Zum 9. November: Das Gasthaus von Bergbach-Hallenstein

„Das hätte ich nicht gedacht“, sagt Tolo, der Ur-Mallorquin. Er ist mit seinem deutschen Freund, dem er den mallorquinischen Namen „Jim“ gegeben hat (sprich: Schimm, mit einem ganz hellen „i“), mit seiner Paquita und Jims Frau im grünen Herzen Deutschlands unterwegs, in Thüringen. Heute war ein Höhepunkt-Tag: Weimar mit dem Schloss und Park Belvedere, den beiden identischen Goethe-Gartenhäusern an der Ilm, den wunderschön hergerichteten alten Häusern in der Stadt mit den baumbeschatteten Alleen und der Rostbratwurst gegenüber dem Goethehaus: so ganz anders als die paprikarote mallorquinische sobrassada (hieß die so, diese leckere Wurst, die die Mallorquin so lieben?), und für Tolo doch begeisternd lecker. Doppelten Espresso im Café am Schillerhaus. Und die Fahrt durch den Thüringer Wald, immer wieder unterbrochen, um die Aussicht, die Landschaft zu genießen.
„Das hätte ich nicht gedacht“, sagt also Tolo. „Ist euch eigentlich klar, wie grün und wie romantisch das alles hier ist? Wer das nicht gesehen hat, der kann euch Deutsche nicht verstehen. Welch ein schönes Land! Und grün, grün, grün!“
Paquita und Jims Frau haben sich zurückgezogen, Tolo und Jim sitzen im Gasthaus von Bergbach, das sinnvollerweise Bergbacher Gasthaus heißt. Vor den beiden steht das, was Tolo als belgischen Apéritif kennt: ein Schnaps und ein Bier.
Von der Theke aus schaut Elke, die mit ganzem Herzen Wirtin ist, ob etwas fehlt. Jim lehnt sich zurück.
„Stimmt“, sagt er, „es gibt Gegenden in Deutschland, da hat der Herrgott sein Meisterstück als Landschaftsgärtner abgeliefert. Die Eifel ist so eine. Und Thüringen auch, aber ganz anders.“
„Ihr müsst ein glückliches Volk sein“, sagt Tolo, „auch wenn die Winter hier arg kalt sind, wie du sagst.“
„Tja, ein glückliches Volk …“ Jim wird nachdenklich.
„Nochmal dasselbe?“, fragt Elke.
„Noch zwei Bier“, nickt Jim, und da er auch immer mit Gesten redet, schaut Tolo auf die beiden Finger, die Jim hochhebt, kombiniert richtig und nickt auch. Er spricht kein Deutsch.
„Weißt du“, sagt er auf Französisch, „wenn ich so manche deiner Landsleute bei mir zu Hause sehe, habe ich manchmal den Eindruck, dass es nicht so weit her sein kann mit eurem Glücklichsein. Ihr habt Glück, aber ihr seid nicht glücklich. Deine Landsleute sind zu laut, die dröhnen sich zu und voll. Ein glücklicher Mensch tut das nicht, feiert nicht auf diese Weise. Mir kommt das vor wie eine Betäubung. Wovor flüchten die?“
Elke kommt mit dem Bier. „Einer deiner französischen Freunde?“, fragt sie und deutet auf Tolo.
„Nein“, sagt Jim: „Mallorca. Palma de Mallorca.“
„Ach, Mallorca! Muss wunder-wunderschön sein. Ich würde so gerne mal dahinkönnen.“
Jim übersetzt, Tolo strahlt. Wenn sie in Mallorca sei, solle sie ihn und Paquita besuchen. Jim habe die Adresse. Das sei ernst gemeint! Jim übersetzt, Elke strahlt, nickt und geht zurück an die Theke.
„Wir sind ein komisches Volk“, sagt Jim nachdenklich. „So komisch, dass wir uns selbst manchmal fragen, ob wir ein Volk sind. Protestantisch geprägt, katholisch geprägt, vom Westen geprägt (so wie Du, Jim, kichert Tolo. Er mag das Thüringer Bier), vom Osten, Norden, Süden. Für das hochdeutsche Brötchen gibt es mindestens sechs Dialektausdrücke, ganz zu schweigen von den Variationen innerhalb der Dialekte. Die Saarländer sagen hartnäckig ‚Dauerschreiber‘ zum Kugelschreiber, und die Bayern sagen, dass der Krieg von 1866 so schön gewesen sei, weil sie da noch auf die Preußen schießen durften. Die Norddeutschen behaupten, genauso lustig zu sein wie die Rheinländer – nur nicht so laut. Und manche, die zum deutschen Kulturkreis gehören und ihn mehr als die meisten anderen geprägt haben, behaupten, sie gehörten gar nicht dazu.“
„Und Thüringen war doch DDR, oder?“
„Ja. Erst war es von den Amerikanern erobert, aber dann den Sowjets überlassen worden, für einen Teil von Berlin. Und das Gasthaus hier ist in dem Sinne schon historisch: Elkes Mutter, die Marie, die hat es aufgebaut. Sie hat zu DDR-Zeiten einen Kredit aufgenommen und hat mit ganz, ganz harter Arbeit, viel Kraft und Durchsetzungsvermögen unter widrigsten Umständen das Gasthaus ihrer Familie zurückerworben, erhalten und ausgebaut. Hast Du die Inschrift an der Wand neben dem Eingang gesehen? Seit fast 400 Jahren ist Maries und Elkes Familie die Wirtsfamilie von Bergbach-Hallenstein, und da hat es Hochs und Tiefs gegeben, auch ganz heftige Tiefschläge. Marie hat ein Büchlein darüber geschrieben – und sie ist stolz, dass das Haus trotz allem noch steht, erhalten geblieben ist trotz all der Schläge, durch Kraft und Einsatz, mancher würde sogar Opfer sagen. Das Haus muss bleiben, ist die Devise.“
„Irgendwie normal. Was man hat, was die Familie hat, was einem gehört, das will man ja auch erhalten, vermehren, weitergeben. Aber weißt Du, mir fällt was ein: nämlich, warum ihr Deutschen euch ständig betäuben wollt.“
„Die beiden sind jetzt von mir“, sagt Elke und stellt zwei Bier auf den Tisch. Sie grinst, zeigt auf sich, Tolo kombiniert richtig, grinst zurück und sagt: „Gracias!“
„Danke“, sagt Jim, und Elke geht wieder an ihre Theke. Ihr Sohn grüßt kurz aus der Küche: „Hallo!“ Und Tolos Erkenntnis bleibt zunächst ungesagt.
„1989“, erzählt Jim, und seine Augen beginnen zu leuchten, „1989 kam es dann, wie auch immer, zum Ende der DDR. Überall Proteste gegen die herrschende Partei SED, die sich dann PDS und nun Linkspartei nennt. Erst hieß es: Wir sind das Volk, und schnell wurde es zu: Wir sind ein Volk. Der Bundeskanzler in Dresden, vor einem Wald schwarz-rot-goldener Fahnen, bejubelt von seinen Landsleuten. Tolo, wie waren wir da glücklich! Ein glückliches Volk! Vielleicht ein bisschen berauscht, aber nicht betäubt. Damals habe ich im Radio ein Lied gehört, das ich weder vorher noch nachher je wieder gehört habe: Die Mauer fällt, schon morgen sind wir wieder frei und vereint, ging der Text. Und ich dachte: Na, morgen wohl nicht, aber die Chancen steigen.
Nur in Bergbach-Hallenstein geschah nichts“, fährt Jim fort, und Tolo beschließt, seine Erkenntnis zunächst für sich zu behalten. „Es geschah nichts, und Marie, Elkes Mutter, war der Ansicht, dass etwas geschehen müsse. Und es geschah. Mit der ihr eigenen Energie trommelte sie die Bergbacher zusam-men, dann in die evangelische Kirche, an mehreren Abenden hintereinander, und dann hat sie flammende Reden gehalten über das Vaterland, über die Einheit des Vaterlandes. Und ein altes Lied aus ihrer Jugend hat sie angestimmt: Deutsches Land ist freies Land, Gott so mag befehlen! Kaum hatte sie es angestimmt, da standen alle auf, sangen mit. Da haben sie gejubelt, die Bergbacher, mehrere starke Demonstrationen und flammende Reden hat es gegeben bis in den Dezember, und ganz flott verschwand die Diktatur auch hier.“
„Und ein Jahr später war es soweit“, sagt Tolo. „Ich werde nie vergessen, wie ich mich gewundert habe, als der Bundeskanzler die dritte Strophe Eurer Nationalhymne anstimmte und niedergebrüllt, gebuht, ausgepfiffen wurde. Keiner von uns hat das verstanden, als wir es im Fernsehen gesehen haben. Wir haben auch so unseren Abstand zum Festland und machen im Allgemeinen, was wir wollen, aber das? Nein.“
„Die Marie hat noch viel organisiert hier im Ort. Da gab es den Trachtenmarsch, eine Parade, in der Hallenbacher in alter Tracht und neuer Kleidung zu neuer und alter Blasmusik aufeinander zu marschierten, vor dem Gasthaus zusammentrafen und dort tanzten und feierten: unvergesslich! So ein richtig warmes Zusammengehörigkeitsgefühl: Guck mal, da geht die kleine Stefanie, mit ihrer Puppe auf dem Arm. Und dann: Drei, vier, sechs Tage Kirmes! Das ist ein Schlachtruf zur Kirmes, im Dialekt gerufen, und die Hallenbacher lachten immer, wenn ich es auch versuchte.“
„Siehst Du“, sagt Tolo, „das ist überall gleich. Man braucht eine Heimat! Gibt’s bei uns auch, aber nicht in den Touristenzentren, da ist es nur Schau für die Touristen.“
„Komm mal mit“, antwortet ihm Jim.
Die beiden stehen auf, Tolo folgt Jim zur Theke. Jim fragt Elke, ob sie in den Saal dürften; sie nimmt einen Schlüssel von der Wand und geht vor. Das Licht geht an, und der Saal sieht noch genauso aus wie am Silvestertag 1990. Interessiert schaut sich Tolo einen fensterlosen, ausgemalten Raum an, zu dem aus dem Saal eine Tür führt und der die Form eines etwas größeren Eisenbahnwaggons hat. Zu DDR-Zeiten, berichtet Elke, trafen sich hier alle, die was dagegen hatten, und man erzählte sich Witze über Staat und Regierung, ohne Angst, von den Falschen gehört zu werden. Jim übersetzt, Tolo grinst.
Dass das aber nicht das Wichtigste sei, sagt Jim, erst auf Französisch, dann auf Deutsch, denn Elke ist ja dabei. „Wir hatten hier die schönste Silvesterfeier aller Zeiten, in diesem Saal.“
„Das sagen alle, und irgendwie stimmt das auch“, ergänzt Elke.
Jim übersetzt und fährt fort: „Das kannst du dir nicht vorstellen. Wir Wessies und die Thüringer, wir haben gesungen, getanzt, gelacht, es gab Rotkäppchen-Sekt und die ihrem Namen gar nicht entsprechende, weil ganz andere und unglaublich leckere thüringische Knackwurst, die jemand mitgebracht hatte, es gab Brot und Bier. Die gemütlichen Zeiten seien jetzt wohl vorbei, fragte Bärbel, eine thüringische Freundin, als ich mit ihr tanzte. Sie fragte etwas besorgt, aber frisch-forsch antwortete ich: Ja! Ich sollte recht behalten. Sie aber noch mehr.
Mitternacht. Die Musik spielt nicht, alle wünschen sich ein gutes Neues Jahr, prosten sich zu, stoßen mit den Gläsern an. Ein gutes 1991! Marie verschafft sich Ruhe, das kann sie prima. Sie steht auf einem Stuhl, hält ein Tuch in der Hand, wedelt es und ruft: ‚Und nun wollen wir das Lied singen, nach dem wir uns vierzig Jahre lang gesehnt haben!‘ – Jeder wusste, welches Lied sie meinte, und es erklang die deutsche Nationalhymne. Wir haben sie weinend, mit dicken Tränen in den Augen gesungen: Es war alles so voller Hoffnung. Alles war so richtig, nun würde alles gut, wir würden alle zusammen anpacken, aufbauen! Ein Volk, wieder zusammen in einem Staat – das konnte nur gutgehen. Tolo, so etwas habe ich nie wieder gespürt, eine Mischung aus angenehmem Schauder vor dem, was uns sicher erwarten würde (denn wir sahen doch den Zustand des Landes) und einem ungeheuren Optimismus, einer Freude über die Aufgabe, die vor uns lag. Eine Aufgabe! Ein Ziel! Ein guter Kampf um eine gute Sache! Korrigierte Geschichte. Genau das, was wir brauchten. Die Thüringer hatten etwas bewahrt, was uns verlorengegangen war, und wir konnten, so dachten wir, auch etwas beitragen. Wir waren alle so jung, so tatendurstig, so … so … ja: eben freudig und optimistisch!“
Jim träumt. Ganz kurz war er am Ort in die Zeit zurückgereist. Tolo schaut ihn an, Elke putzt sich die Nase. Sie denkt an Silvester, an die Umzüge mit Blasmusik, an Stefanie und Werner mit der Posaune. Die Nase ist jetzt ein bisschen rot.
„Da, an dem Tisch, auf den Bänken haben wir gesessen“, zeigt Jim. „Da war die Kapelle, und in der Mitte haben wir wie die Weltmeister getanzt.“
Jims Stimme wird leise. Tolo legt ihm den Arm um die Schulter, Elke fragt: „Kriegt ihr noch ein Bier?“ Jim schüttelt den Kopf und zieht das Portemonnaie aus der Tasche.
„Gracias!“, sagt Tolo. Er hat verstanden, dass er mit seiner Erkenntnis von vorhin richtig lag, und er hat verstanden, dass er jetzt besser nichts sagt.
„Kommt, ich lass euch direkt hier raus“, sagt Elke, „ich mach dann direkt zu.“
Sie gehen durch die Tür auf den überdachten Gang zwischen dem Bergbacher Gasthaus und dem Nachbarhaus, da, wo im Sommer auch Tische und Stühle stehen. Die beiden winken der Elke, sie winkt zurück und sagt: „Bis bald wieder.“ Da biegen sie auf die Straße ein und gehen schweigsam zu ihren Frauen. Der Himmel ist sternenklar. Dann schiebt sich vor den leuchtenden Mond eine dicke, schwarze Wolke.

JV