Opfergedenken am Volkstrauertag

Bild: Civitas-Archiv

Am Volkstrauertag gedenkt man normalerweise jener Soldaten, die – nicht unbedingt freiwillig – beim befohlenen Kriegseinsatz gestorben sind. So gut wie alle Völker Europas bewahren ihren Gefallenen ein Andenken. In der BRD hat es sich in den letzten Jahrzehnten eingebürgert, aller Opfer aller Völker zu gedenken. Das soll hier unkommentiert bleiben. An dieser Stelle soll ein Schlaglicht auf das Schicksal jener Opfer gerichtet werden, an die so gut wie niemand mehr denkt. Weil sie überlebt haben.

Der Vater war „ein Jahr älter als das Jahr“, wie er immer sagte. In einem Alter, in dem man heute fast noch strafunmündig ist, wurde er an die Westfront eingezogen. Nein – ein Franzose käme ihm nicht ins Haus, bekräftigte er. Die „lothringer Weiber“ hätten ihn und seine Kameraden 1917 mit Küchenmessern aus dem Land gejagt. Nun ja. Etwas über 50 Jahre später freute er sich denn doch über den Besuch des französischen Freundes seines Enkels.

Er lebte in einer Kleinstadt im Ermland, im katholischen Ostpreußen. Dort heiratete er, bekam drei Kinder. Die Familie war beileibe nicht reich, aber sie hatte ihr bescheidenes Auskommen, die jüngste Tochter sollte sogar zur Realschule gehen. Der Sohn war bei der Post. Das war aber später.

Die ersten, die in der Kleinstadt zu den nationalen Sozialisten überliefen, so erzählte er, das waren die Kommunisten. Aber die waren nur wenige. Wie alle katholischen Regionen Deutschlands, so war auch das Ermland immun gegen jede Art von Sozialismus, das zeigen die Wahlergebnisse, die ja erhalten und ausgewertet sind. Der Sohn erinnerte sich sehr gut daran, wie er die Weigerung der Lehrer miterlebte, auf Befehl der Machthaber die Kreuze in den Klassenzimmern abzuhängen. Und wie der Ortspfarrer, der im Ermland „Erzpriester“ hieß, ihm sagte, daß er (der Pfarrer) die Not wohl verstehe, die den braven Meßdiener nur noch in der Frühmesse ministrieren ließ, weil doch zur Zeit des Hochamts die Hitlerjugend ihren „Dienst“ hatte.

Der Vater mußte 1939 an die Ostfront. Er geriet bald in Gefangenschaft, und er hatte Glück. Die Russen, die er kennenlernte, waren ebenso arm wie freundlich. Und doch blieb er bis 1955 von seiner Familie getrennt, praktisch ohne Kontakt. Als die beiden Silberhochzeit feierten, war das arg übertrieben: die meiste Zeit waren sie getrennt gewesen.

Als der Sohn 16 Jahre alt wurde, rückte die Front immer näher. An seinem Geburtstag begann in seinem Heimatstädtchen eine der fürchterlichsten und (außer von Militärhistorikern) vergessensten Schlachten des gesamten zweiten Weltkrieges. Das Städtchen war am Ende, und am Ende war es zu weit über 90 Prozent zerstört. Nur die Pfarrkirche blieb stehen. Ein Wunder.

Der Sohn war mit der Familie schon vorher geflohen. Er hatte seine Großmutter (sie kam aus Graz) mit weit über 80 Jahren im Graben sterben sehen, voller Angst vor dem Leben und vor dem Tod. Ob und wie sie die Großmutter begraben konnten? Auf der Flucht vor den heranrückenden Russen? Bei steinhart gefrorenem Boden? In welchem Sarg? Von alledem hat der Sohn nie viel erzählt. Einerseits, weil es da wohl viel zu vergraben, zu verkapseln gab. Des psychischen Überlebens halber. Wir haben noch die Berichte des Erzpriesters und anderer Zeugen, die es geschafft hatte, das unsägliche Grauen niederzuschreiben: die Angst. Die Vergewaltigungen. Das Beraubtwerden. Die ungeheure körperliche Anstrengung, im Winter, trotz alledem. Das Leiden und das Sterben. Wer kann denn das alles überhaupt nachvollziehen?

Zunächst ging es in Lager nach Dänemark. Dort nahmen sich Priester der jungen Flüchtlinge an und leisteten unendlich viel Gutes. Sie gaben den Pubertierenden wenigstens etwas Halt in der Katastrophe, und zum Pubertieren war auch gar nicht viel Zeit. Hunger war ein ständiger Begleiter, und noch Jahrzehnte später konnte der Sohn auf dänisch sagen: „Guten Tag, Herr Däne, haben Sie eine Brotmarke für mich?“

Der Enkel hat nie gehört, unter welchen Umständen diese Flüchtlinge dann zwar in ihr Land, aber nicht in ihre Heimat zurückkamen. Sie kamen in ein zerstörtes Land, waren unwillkommen. Auch hier lebten sie in Lagern oder wurden zwangseingewiesen. Alles, aber auch alles war knapp, wenn überhaupt vorhanden. Im Laufe der Jahre wurden diese Flüchtlinge dann aber zu einem ungeheuren Potential. Sie machten sich daran, das Land wieder aufzubauen. Es mag sein, daß sie in der harten Arbeit des Aufbaus aus dem Nichts alles das einkapselten und ins Unbewußte versenkten, was sie sonst zerstört hätte.

Keiner von ihnen hatte einen Krieg angefangen, keiner hatte ihn je gewollt. Dem Vater hatte der erste Krieg völlig gereicht, und bei der allergrößten Mehrheit überhaupt mußten die nationalsozialistischen Machthaber die Kriegsbegeisterung erst propagandistisch hochpeitschen. Sie sind Opfer. Millionen Opfer. Auch wenn sie weitergelebt haben.

Der Sohn hatte sich dann an sein neues Leben nach dem Krieg gewöhnt. Aber Preiselbeeren oder anderes dieser Art aus Polen aß er niemals, sie hätten ja aus jenem romantischen Tal kommen können, das als „die Perle Ostpreußens“ beworben worden war. Damals.

Der Name des Ortes war ein Zauberwort der Kindheit und Jugend des Enkels, auch wenn der, von sozialistischen Gymnasiallehrern stark beeinflußt, von der ganzen Kriegsgeschichte nichts hören wollte und sich, nun seinerseits pubertierend, mit der Frage herumschlug, ob denn nun die ermländische Hälfte seiner Familie auch zu jenen „Berufsvertriebenen“ gehörte, die von jener großen sozialistischen Partei an den Pranger gestellt wurden.

Die Frau des Sohnes beschloß in den 90er Jahren eine Radikalkur, weil sie ja wußte, wie sehr ihr Mann an Heimweh litt. Sie fuhren beide ins Ermland. Und es war, eben, nichts mehr da. Nichts. Wohl die Kirche – aber sie war natürlich kleiner als in der Erinnerung. Überwunden? Wer kann das sagen?

„Frau Walter, bleiben sie doch nicht so lange bei mir stehen“, hatte Frau Adam vor dem Krieg zur Mutter der Frau des Sohnes gesagt. An der Hand hielt sie ihren kleinen Jungen, der hatte wundersüße schwarze Locken. „Aber warum denn nicht?“ – „Wir müssen verkaufen. Wir müssen fort, wir gehen fort.“ – „Aber wohin denn?“ – „Vielleicht nach England…“ – „Warum?“

Familie Adam war jüdisch und im ganzen Ort, in dem die Frau des Sohnes aufwuchs, wegen ihrer Wohltätigkeit bekannt. Ihr gehörte ein Bekleidungsgeschäft. Zu Fronleichnam pflegte die Familie (denn die Prozession war riesig. Damals.) ihre Fenster zu schmücken und Kerzen aufzustellen, auch, wenn es für eine Figur des Erlösers und / oder seiner Mutter dann doch nicht reichte.

Der Mutter der Frau des Sohnes war es gar nicht klar, was da in Deutschland ablief. Wie die Mehrheit des Volkes, so hatte auch sie völlig verständnislos von den brennenden Synagogen und den Erniedrigungen und Mißhandlungen durch die SA gehört. Verstehen konnte sie das nicht. Auch sie war nie nationalsozialistisch.

Nach einer endlosen Folge durch Bombenalarm gestörter Nächte kam dann am 4. November der Großangriff. Erst jene Bomben, welche die Dächer abdeckten und so für die dann folgenden Phosphorbomben vorbereiteten. Welcher Schrecken, welches Grauen: die Nachkriegsgeneration hat keine Vorstellung davon, kann sie gar nicht haben. Und dann kamen sie gezeichnet aus den Bunkern. Das Haus war zerstört. Sie kamen bei Verwandten unter. Am nächsten Morgen ging es natürlich weiter: die Mutter war als Briefträgerin kriegsverpflichtet. Als sie aus dem Haus kam, staunte sie über den Bratengeruch, der in der Luft hing. Als sie begriff, daß das die Nachbarn waren, die so zu Tode gekommen waren, erbrach sie sich an einer Ruinenmauer.

Dann ging sie zur Arbeit. Weil sie das ja mußte. – Das war die Zeit im Leben der Tochter, die am prägendsten ist: ihre Pubertät. Sie bestand auch aus nächtlichen Bombenangriffen, die „moral bombing“ genannt wurden. Als das Haus brannte, wollte sie unbedingt die BdM-Fahne und das Führerbild retten. Davor rettete ihre Mutter sie.

Die Tochter und der Sohn, eben jener Flüchtling, sahen sich einige Jahre nach dem Krieg in einer Straßenbahn. Sie verliebten sich. Und sie hielten sich aneinander ganz fest, ganz sicher, ihr ganzes Leben lang, und sie brauchten das so, weil sie sich doch in den entscheidenden Jahren der Prägung einer Persönlichkeit an so wenig klammern konnten, da, wo sie es so sehr gebraucht hätten. Alles, wonach sie strebten, war ruhige Sicherheit für sich und die Kinder und ein mehr oder weniger bescheidenes „Durchkommen“. Anderes zählte da nicht so sehr. Irgendwann wurde auch ihr Glaube ein, sagen wir, persönlicher Glaube. Vor allem den Sohn verließ nach dem Konzil auch die Kirche, die ihm die Kindheit und Jugend geprägt hatte. Da verließ er dann auch sie, still und heimlich, ohne Aufsehen. Wie so sehr viele andere auch.

Als der Enkel erwachsen wurde und die sozialistische Propaganda durchschaute, begann er, im Internet alle erreichbaren Bilder und Pläne des Städtchens mit dem Zaubernamen seiner Kindheit zu sammeln, jenes Städtchens, aus der immerhin eine Hälfte von ihm stammte. Er machte sich ein Bild von jenem Städtchen, so, wie es vor der Katastrophe war. Eigentlich wollte er mit seinen Geschwistern und deren Ehepartnern irgendwann mal dorthin fahren. Einmal jene Wege gehen, die auch der Vater gegangen war. Zu Schule. Zum Spielen. Zum Postamt. Und sonntags in die Kirche.

Eines Tages fand er heraus, das das Städtchen nun mit google street-view gesehen werden kann. Stundenlang ist er dort gewesen, virtuell. Und nun wußte er, daß er niemals dorthin fahren würde. Es ist nichts, nichts mehr da: das Haus der Familie, die Geschäfte, die Schule, das Haus der Tante… Er wird niemals Vaters Wege gehen können. Bruch. Abgeschnitten. Im mittelalterlichen Deutsch hieß die Fremde „Elend“. Das ist es. Es ist ein Elend.

So ist denn auch der Enkel insofern Opfer, als ein Teil seiner Identität ausradiert ist. Ein Teil seiner Wurzeln ist weg. Ist nur virtuell und imaginär vorhanden. Und er denkt, daß es doch so vielen so geht, auch wenn sie, wie der Enkel selbst, so gerne in ihrer Heimat leben.

Und er denkt auch, daß es ja nicht nur die geographische Heimat ist, die zerschlagen worden ist. In ganz Europa hat sich nicht etwa „so vieles verändert“, sondern es sind ganz gezielt Muster, Lebensweisen, Traditionen, Kontinuitäten und Werte zerstört und zerschlagen worden. Und werden es noch immer, vielleicht sogar mehr als je zuvor, und es wird in den letzten Jahren immer schneller vorangetrieben. Es ist ein Elend.

So richtig begonnen hat das alles, als nach dem glücklichen Jahr 1913 unser Europa und unser Vaterland in einen ersten wirklich grauenhaft zerstörerischen Krieg gestürzt wurden, dem so bald der noch grauenhaftere folgte. Vater, Sohn, Mutter, Tochter und irgendwie auch Enkel waren Opfer. Vergessene Opfer, weil sie noch lebten oder leben.

JV